10.11.2015

Gefangen im Circle -und glücklich dabei

Ich habe "The Circle" von Dave Eggers gelesen, äh verschlungen. Hier meine Gedanken zu dem "Roman unserer Epoche", wie die FAZ geschrieben hat.

Lesezeit:

4 min


Dass 'The Circle' von Dave Eggers eine atemberaubende Geschichte ist, ist wohl jedem klar, der irgendwo schon mal irgendwas über diesen Roman gelesen hat. Vom Freundeskreis bis zur Montagsbesprechung in unserer Agentur... jeder redet über dieses Buch. Verständlich. Schließlich sind wir genau diese "Internetleute" von denen in The Circle die Rede ist. Gut, wir arbeiten nicht bei Facebook oder Google. Aber wir sind eben doch ganz nah dran, an der Vernetzung der Welt. Sei sie nun komplett, total oder weitgehend...

The Circle - die Story

Und genau darum geht es in The Circle. Mae beginnt bei dem gleichnamigen Unternehmen zu arbeiten. Nach und nach fügt sie sich in die Regeln des Campus ein. Der Campus ist viel mehr als ein Firmenkomplex. Von Wohnungen über Ärzte und Nachtleben bis zu den Firmeneigenen Gemüsegärten gibt es hier alles. Und noch viel mehr. Neben der Arbeit gilt es auch die zahlreichen sozialen Angebote zu nutzen, die The Circle anbietet. Seien diese nun virtuell oder nicht. Anfangs ist Mae damit überfordert, weil sie die Regeln nicht kennt. Doch nach und nach wird sie zum Superuser und prüft anhand zahlreicher Rankings und Kennzahlen permanent ihren Einfluss und ihre Bedeutung im Netzwerk. Alles ist messbar, nachvollziehbar und bewertbar. Natürlich muss sie hier mitspielen, wenn sie so schnell im Unternehmen aufsteigen will, wie es alle um sie herum prophezeien.

Das ist im Grunde die Story con The Circle. Ich erwähne sie hier nur der Vollständigkeit halber.

The Circle - meine Gedanken

Ich denke, dass jeder Leser aus diesem Buch ganz eigene Erkenntnisse ziehen wird, die sich - bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger - auf sein eigenes Nutzerverhalten im Internet und, ganz speziell, auch in den sozialen Netzwerken auswirken wird. Meinen eigenen Schwerpunkt habe ich hier bei der Erreichbarkeit, bzw. Verfügbarkeit gesehen.

Mae versucht im Roman so viele soziale Interaktionen innerhalb des Circle zu generieren, dass sie im Firmenranking aufsteigt. Dieser Druck zu kommunizieren, zu liken, und zu kommentieren ist für sie enorm. In Momenten, in denen sie ihm nicht Herr wird, zweifelt sie ausschließlich an sich selbst und nicht etwa am System. Diese Situationen sind so überspitzt dargestellt, dass jedem Leser auffallen muss, wie falsch diese Annahme ist. Zumindest hoffe ich das. Seit ich selbst regelmäßig auf den verschiedenen Plattformen unterwegs bin, achte ich darauf, dass sie eben nicht die Macht über mich und mein Leben übernehmen. Ganz konkret habe ich das umgesetzt, indem ich meine Freunde erzogen habe.

Ich bin auf diese Idee gekommen, als ich im Homeoffice selbstständig als Community Managerin tätig war. In dieser Zeit war ich tagsüber dauernd auf Facebook - das war ja mein Job. Hätte ich jede pivate Nachricht sofort beantwortet, wäre ich nicht mehr zum Arbeiten gekommen. So habe ich mir bewusst Zeitfenster für die private Kommunikation geschaffen. Während dieser Zeit habe ich dann auch meinen persönlichen Feed verfolgt und unter meinem eigenen Namen gepostet. Ein- oder zweimal pro Tag.

Der Effekt davon war, dass sehr schnell niemand mehr erwartet hat, dass ich sofort antworte. Einfach, weil ich es nie getan habe. Deshalb hat auch niemand nach wenigen Minuten nachgefragt, wo denn meine Antwort bleiben würde, ob ich noch da sei, und so weiter. Das habe ich bei Bekannten leider mehrfach erlebt. Und es macht einen wahnsinnig, wenn das Gespräch permanent unterbrochen wird, damit einem dritten, via Chat irgendetwas mitgeteilt werden kann. Da erzähle ich ja nichts Neues.

Das funktioniert bis heute ganz gut - aber eigentlich auch nur, weil ich fast alle Benachrichtigungen auf dem Smartphone deaktiviert habe. Das bedeutet konkret, dass ich bei allen Apps (Messenger, Facebook, Tweetbot, Instagram) die Einstellungen genau auf meine Bedürfnisse angepasst habe. Ich erhalte nur ganz ausgewählte News auf den Startbildschirm und diese alle ohne Ton, denn mein Handy ist grundsätzlich auf lautlos eingestellt. Kein Piepen, kein Vibrieren. Das führt natürlich dazu, dass ich eigentlich nie telefonisch erreichbar bin. Ich rufe zurück oder beantworte SMS, wenn es zeitlich geht.

Mein erster und wichtigster Alltag ist der, der meiner Familie gehört. Wenn sich Lücken ergeben, nutze ich die gerne für soziale Netzwerke. Und die Lücken sind zahlreich. Man denke nur daran, wie unendlich quälend die Zeitlupe sein kann, in der ein Zweijähriger die 18 Treppenstufen bis zu unserer Wohnung erklommen hat. Völlig unmöglich ist es jedoch, ans Telefon zu gehen, während man gerade eine Kackwindel beseitigt oder bereits seit einer Stunde versucht, das Kind zum Mittagschlaf zu bewegen. Jedes zusätzliche Geräusch verursacht da weitere Verzögerung und dadurch Stress. Die zeitversetzte Kommunikation ist in meiner Lebenssituation perfekt.

The Circle - das Fazit

Das Ende dieses Buches kam für mich völlig überraschend. Zum Schluss habe ich die Seiten fast nur noch überflogen, um endlich zu erfahren, wie es ausgeht. Unglaublich, wie ich dieses Buch innerhalb von 4 Tagen verschlungen habe. Das gab es lange nicht mehr... Ich sage: Unbedingt lesen. 'The Circle' von Dave Eggers ist für alle relevant, die in sozialen Netzwerken unterwegs sind. Punkt.


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