48 Monate

4 Jahre - so lange sollen sich Unternehmen an ihre SEO-Agentur binden. Ich halte dieses Geschäftsgebaren für fragwürdig und ungeeignet.

In der letzten Woche sind mir bei meiner Agentur Elfgenpick gleich zwei Firmen untergekommen, die mit so einem 48 monatigem Vertrag gelockt wurden. Ein Unternehmen hat sich überreden lassen - und ist jetzt sehr unglücklich darüber. Ein anderes hat sich zum Glück dagegen entschieden.

Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann?

Ein kompletter Webseiten-Relaunch, ein Imagefilm, und Suchmaschinenoptimierung für nur 350 Euro im Monat? Klingt zu schön um wahr zu sein? Ist es auch. SEO Verträge mit 4 Jahren Laufzeit sind meiner Ansicht nach absoluter Humbug (ich erkläre gleich, warum). Doch die Agenturen, die diese Verträge anbieten, wissen sich zu verkaufen. Ich habe gerade mit einer Firma zu tun, nennen wir sie Superservice 2000, die sich zu einem Relaunch entschlossen hat und auf der Suche nach einem Partner war, bei dem sie alles aus einer Hand bekommt: Mail, Webseite, Hosting und Suchmaschinenoptimierung. Es gibt einige Agenturen, die das anbieten, allein in Augsburg kenne ich mindestens zwei. Und die sind gut.

Dass Superservice 2000 auf das Angebot der windigen "SEO-Agentur" aus München hereingefallen ist ,nennen wir sie PseudoSEO, sollte zunächst mal den Augsburger Agenturen zu denken geben. Vermarkten die Ihr Angebot zu schlecht?

Zweitens muss man sehen, dass so ein Full Service schon verdammt sexy ist. Der Kunde muss sich nicht mehr merken, welcher Dienstleister für welchen Bereich seiner Systeme zuständig ist und kann sich immer an den selben Ansprechpartner wenden. Man grooved sich mit der Zeit ein, die Kommunikation flutscht. Auch der Preis stimmt, wenn die Agentur ein schickes Gesamtpaket schnüren kann.

Probleme mit der SEO Agentur

Was definitiv nicht stimmt, ist die Laufzeit von 4 Jahren. Für Superservice 2000 ist die finanzielle Belastung natürlich geringer, wenn die Webseite inklusive der Suchmaschinenoptimierung über einen längeren Zeitraum abgestottert wird. Das lässt sich hübsch im Marketingbudget einplanen. Doch der Spaß hört dann auf, wenn es ein Problem gibt, denn dann ist ein Agenturwechsel unmöglich.

Bei Superservice 2000 besteht das Problem daraus, dass PseudoSEO nicht die Ergebnisse liefert, die erwartet wurden. Die Webseite ist ok, aber nicht toll. Der geübte Blick entdeckt sofort das lieblose Baukastensystem dahinter. Viel schlimmer: Im Bereich SEO bleibt das Ergebnis weit hinter den Erwartungen zurück. Doof, denn das Business von Superservice 2000 hängt stark von der Findbarkeit im Netz ab. Es ist zwar ein B2B Unternehmen, aber eben in einem Geschäftsfeld, in dem das meiste über Suchmaschinen läuft.

Und das war ja ursprünglich auch der Grund, warum sich Superservice 2000 genau PseudoSEO als Partner herausgesucht hat: Wo SEO draufsteht ist auch SEO drin - sollte man meinen.

Es wird noch schlimmer

Nein, das Drama ist noch nicht zu Ende. PseudoSEO hat nämlich vor ein paar Monaten zu Superservice 2000 gesagt: "Deine Webseite ist fertig, schick uns die Texte". Daraufhin sagte Superservice 2000: "Wie Texte? Bei uns kann keiner schreiben, ich dachte, das gehört zum Full Service!" Daraufhin PseudoSEO: "Nein! Haha! Wir schreiben doch keine Texte! Da müssen Sie sich dann eben einen anderen Dienstleister suchen, der diese Arbeit für Sie erledigt!".

Und so ist Superservice 2000 bei mir, einer sehr verwunderten Lisa gelandet, die sich zwar über den Auftrag gefreut hat, sich aber beim besten Willen nicht erklären konnte, warum eine SEO-Agentur keine Texte schreiben kann.

Natürlich kann ich hervorragende SEO Texte schreiben. Schließlich ist das mein tägliches Business. Darüber hinaus bemühe ich mich darum, am Zahn der Zeit zu bleiben und informiere mich permanent über den State of the Art der Suchmaschinenoptimierung. Soviel zu meiner Qualifikation - das wird man ja wohl noch sagen dürfen!

Jetzt sind etwa 3 Monate vergangen, das Ranking der Superservice 2000-Webseite passt nicht so recht, das macht sich an den Umsätzen bemerkbar und der Unmut ist groß. PseudoSEO erklärt wo der Fehler liegt: "Naja, die Texte, die sie von Ihrem Dienstleister bekommen haben sind ja ganz nett, aber die Keyworddichte passt nicht. Deshalb haben Sie ein schlechtes Ranking. Fragen Sie Ihren Dienstleister, ob er die Texte überarbeitet."

MOMENT MAL?!?!?

Wer sich im Bereich SEO auskennt weiß, dass die Texte ein elementarer Bestandteil der Optimierung sind, aber garantiert (!!!) nicht der einzige. Davon abgesehen ist Keyworddichte als Kennzahl längst überholt (hallo, Panda Update, schon mal gehört???). Das Geschäftsmodell von PseudoSEO ist es also, Suchmaschinenoptimierung zu verkaufen, einen wichtigen Teil davon aber nicht zu leisten. So haben die praktischerweise immer irgendjemanden, den sie anpissen können, wenn das Ranking nicht passt. Respekt! Wie kommt man denn auf so eine Kackidee?

Genau wegen solchen Idioten mit so einem hundsbeschissenen Geschäftsgebaren kommt meine Branche in Verruf (bzw. ist es leider schon). Ich denke, dass PseudoSEO ab jetzt alle Drinks auf allen Webworker-Treffen bezahlen sollte. Mindestens.

Ich habe jetzt mal einem anderen Kontakt erfolgreich von so einem Knebelvertrag abgeraten. Interessanterweise kam der gar nicht von PseudoSEO, wie ich zunächst vermutet hatte, weil die Bedingungen fast identisch waren. Tatsächlich gibt es noch mindestens eine weitere SEO-Agentur, die solche Verträge anbietet. Ich geh dann mal kotzen.

Fazit: Suchmaschinenoptimierung ist als Geschäftsfeld viel zu dynamisch, um sich so lange an einen Partner zu binden. Das heißt nicht, dass es nicht Beziehungen zwischen Kunden und Agentur gibt, die so lange halten (und noch länger) aber das geschieht das auf der Basis freiwilliger Zusammenarbeit.

Und was sagt mein Netzwerk?

Ich habe diese Problematik mal im Augsburger Webworker-Netzwerk besprochen. Die Reaktionen waren überall gleich. Sogar das Wort "Drecksäcke" ist gefallen... Außerdem wurde ich darin bestärkt, diesen Artikel hier zu schreiben. Auch Mike Smith von Smith Design kennt diese Verträge von seinen Kunden und hat ebenfalls schlechte Erfahrungen gemacht. Er schreibt dazu eine tolle Zusammenfassung: "Die Analyse und Verbesserung der Domain-Präsenz bei den Suchergebnissen ist ein obligatorischer Teil des Webdesigns und sollte im Auftrag bereits besprochen werden. Bei pauschaler Abrechnung dieser Arbeiten trägt immer einer den Nachteil – meistens der Kunde. Deswegen sollten Keywords und Ziele vorab festgelegt und der Erfolg jeder Optimierung in monatlichen Zyklen geprüft und besprochen werden. Eine Bezahlung nach Erfolg oder Aufwand teilt das Risiko für beide Parteien fair auf."