Accessibility Club

In Nürnberg trifft sich zum Ersten mal der Accessibility Club um über Barrierefreiheit im Netz zu sprechen.

Das Logo des Accessibility Club: Ein oragefarbener Kreis in dem ein Männchen mit ausgebreiteten Armen steht.Wenn ich mir nicht sicher bin, woher ich etwas weiß, dann war die Quelle meistens Twitter. Und ich glaube, so war es auch hier, beim Accessibility-Club. Das ist eine Gruppe von "Webworkern", die sich in Nürnberg treffen, um darüber zu sprechen, wie man das Netzt barrierefrei gestalten kann.

Webseite des Accessibility Club

Barrierefreiheit meint, dass auch Menschen mit körperlichen Einschränkungen möglichst problemlos Internetangebote nutzen können.

Was bedeutet das konkret: Webseiten sollten so programmiert sein, dass man sie mit Screenreadern lesen kann, damit auch blinde und sehbehinderte Nutzer auf sie zugreifen können.

Screenshot von der Webseite: Schriftzug Accessibility Club

Warum interessiere ich mich so für das Thema?

Nun, zum einen muss ich als Onlinebeauftragte vom Dienst eh immer bei allem auf dem Laufenden bleiben und habe deshalb schon eine berufsbedingte Neugier. Wer meinen Blog schon eine Weile lang liest weiß, dass einer meiner Kunden der Integrationsfachdienst Schwaben ist.

Das Treffen des Accessibility-Club

Um ca. 18:30 startet das Treffen. Leider hat es ein bisschen gedauert, bis der Hangout funktioniert hat. Aber ich bin die letzte, die sich darüber beschweren will. Schließlich wurde der ja nur eingerichtet, damit ich mir die Reise von Augsburg nach Nürnberg sparen kann. Vielen Dank dafür an Joschi und Ingo!

Joschi Kuphal von vom Open Device Lab macht eine Einführung und erzählt, wie er zum Thema Barrierefreiheit gekommen ist. Eigentlich war das nämlich ähnlich wie bei mir: die magische Begegnung mit einem Screenreader.

Die Idee ist eine Schulung zum Thema Jaws. Das ist ein Screenreader. Es geht darum, das Verständnis für die Technologie zu schaffen, die sehbehinderte Surfer im Netz nutzen.

Dabei gibt es zunächst einmal ein paar Vorurteile über Barrierefreiheit, die zunächst einmal abgebaut werden müssen:

  • Valider Quellcode ist automatisch Barrierefrei - falsch
  • Barrierefreiheit ist teuer - falsch
  • Barrierefreiheit sieht hässlich aus - falsch

Es mangelt an Ahnung: Was brauchen behinderte Internetnutzer. Außerdem weiß kaum einer, was man tun muss, um Barrierefreiheit im Netz zu schaffen

Worum geht es heute beim Accessibility-Club: Kontakt herstellen zwischen Programmierern und Nutzern

Ein paar Definitionen: Es geht nicht nur um technische Barrierefreiheit (Unabhängigkeit von Systemen und Endgeräten), sondern auch um inhaltliche Barrierefreiheit (z.B. leichte Sprache). Doch der Accessibility Club hat seinen Fokus auf der technischen Barrierefreiheit.

Assistive Technologie sind nicht nur Rollstühle, sondern auch Screenreader, Braillezeile, automatisch Bildschirmlupen, Bildschirmtastaturen und Spracheingabe - um nur ein paar zu nennen.

In seiner Präsentation nennt Joschi Grundlegende Vorraussetzungen für Barrierefreiheit

  • Webstandards
  • Validität
  • Trennung von Inhalt und Design

sowie

  1. Logische Struktur (html)
  2. Semantische Erweiterungen mit WAI-ARIA
  3. Präsentation und Layout durch CSS (z.B. Veränderungen der Schriftgröße ermöglichen)
  4. Plakativität durch grafische / visuelle Inhalte
  5. Interaktivität und Navigation "progressively enhanced"
  6. Inhaltliche Erschließbarkeit
  7. Verfügbarkeit durch Performanceoptimierung

Sehr interessant fand ich persönlich ich die Anmerkung, dass z.B. html5 per se schon recht Barrierefrei ist. Man muss eher aufpassen, dass man diese Barrierefreiheit nicht durch Design und Kram zerstört.

Außerdem fand ich sehr interessant, dass 8 bis 10 Prozent der Männer eine Rot-Grün-Schwäche haben. Das bedeutet, dass für diese Nutzer die Anweisung "Klicken Sie auf den roten Button" ziemlich doof ist.

Vorführung Screenreader im Accessibility Club

Als nächstes wurde ein Screenreader vorgeführt von Wilhelm Lutzenberger, einem blinden Internetnutzer. Er erklärt zunächst, dass "Screenreader" in seiner Wortbedeutung eigentlich nicht mehr passt. Denn die Zeiten, in denen der Bildschirm vorgelesen wird, sind vorbei. Heute lesen die Screenreader ihre Informationen direkt aus den verschiedenen Programmen aus. Interessant war auch die Erinnerung an die Anfänge des Internets, in denen es noch gar keine Maus gab und man alles mit der Tastatur gemacht hat.

Die Art wie sich ein blinder Nutzer eine Seite erschließt ergibt sich daraus, wie die Seite aufgebaut ist und welche Informationen er zu Beginn erhält (Strukturelemente!). So oder so, der erste Besuch einer Webseite nimmt immer etwas Zeit in Anspruch.

Zu Beginn der "Vorführung" erschrickt man ein bisschen vor der automatischen Stimme des Screenreaders. Aber man gewöhnt sich eigentlich recht schnell daran! Ich kann nur jedem Empfehlen, sich das mal anzugucken. Auf YouTube gibt es da sicher Videos dazu.

So einen Test mit einem Screenreader habe ich kürzlich auch für den Integrationsfachdienst gemacht. Den Bericht könnt Ihr hier nachlesen: Webseitenoptimierung für blinde Internetnutzer.

Lustig: Der Screenreader Jaws, der hier vorgeführt wird, erkennt nicht, welche Sprache er liest (außer, wenn es im Quelltext ausgezeichnet wurde). Das heißt, dass der Screenreader englisch mit deutscher Aussprache liest. Gewöhnungsbedürftig aber sehr lustig.

Während Wilhelm nach einer Erweiterung des Screenreaders sucht, die er vorführen möchte, sieht man, wie schnell er durch den Explorer navigiert. Ganz ehrlich: Das hätte ein Sehender nicht schneller geschafft. Erstaunlich, wie fix das geht! Aber die Stimme ist eben auch ganz schnell eingestellt. Ohne Übung hat man da auch Mühe, die zu verstehen.

Was mir nicht klar war: Man kann mit dem Screenreader zwischen zwei Modi wechseln: Lesen und Bearbeiten.

Zum Thema Alt-Tags bei Bildern hat Wilhelm uns auch darauf aufmerksam gemacht dass man nicht unbedingt zu jedem Bild einen Text hinterlegen muss. Beispiel: Fotos in einem Reiseblog. Joschi schlägt vor, dass man eigentlich schon bei der Erzeugung der Bilddatei Meta Tags hinterlegen sollte (also quasi vom Fotograf), die dann von allen weiteren elektronischen Verwertungsebenen übernommen werden.

Live Test im Accessibility Club

Wir haben dann noch die Seite der ISO angeschaut, die - so wie ein Teilnehmer wusste, erst kürzlich überarbeitet worden war. Das Ergebnis: Es dauert sehr lang, hier den Überblick zu erhalten. Doch das liegt irgendwie auch am Thema. Wilhelm, unser Tester, sagt, dass hier eigentlich noch vergleichsweise gut strukturiert wurde.

Bei Amazon hat sich - entgegen großer Ankündigungen des Konzerns - in letzter Zeit eigentlich nicht viel getan. Aber hier handelt es sich eben und wahnsinnig viele Inhalte, die man erstmal überblicken muss.

Wir haben dann auch noch das Thema Seitenaktualisierung angesprochen. Hier geht es darum, dass der Screenreader immer wieder von vorne (links oben) anfängt vorzulesen, wenn die Seite aktualisiert wird. Das kann unter Umständen ziemlich nervig sein. Was für mich neu war ist, dass man als Screenreader-Nutzer für einzelne Webseiten verschiedene Einstellungen speichern kann. Wenn eine Seite zu oft aktualisiert, dann kann man diese Aktualisierungen deaktivieren. Genauso kann man auch Einstellungen bei Links und Navigation vornehmen.

Als Blogger könnte es sich übrigens lohnen, einen RSS Feed zur Verfügung zu stellen. Denn solche Feeds sind sehr strukturiert und können von Screenreadern sehr gut ausgelesen werden, weil RSS an sich eigentlich auch eine Art von Standard ist.

Teilnehmer Fazit zum Accessibility Club

  • Das Treffen sollte unbedingt wiederholt werden
  • Beim nächsten mal wäre es toll, wenn einzelne Projekte genauer betrachtet werden, so dass man am konkreten Beispiel lernen kann
  • Wie kann man als Programmierer/Agentur Kunden dazu bringen, die Webseite nach der Übergabe nicht durch die Redaktion zu versauen (Bsp. Alt-Tags)
  • Wie bringt man seine Kunden dazu, Barrierefreiheit als wichtiges Thema zu erkennen (und zu bezahlen!?!)
  • Wie kann man die Vorurteile (siehe oben) abbauen?
  • Woher bekommt man Zahlen über die Verbreitung von Screenreadern etc., die man in der Argumentation mit Kunden verwenden kann?
  • Rechtliche Rahmenbedingungen - Anforderungen
  • Gibt es Erfahrungen mit dem bitv-Test?
  • Ich persönlich hoffe, dass es irgendeine Art von Community geben sollte, in der wir uns künftig austauschen können. Ich schlage eine Gruppe auf Facebook oder G+ vor.

Mein Fazit zum Accessibility Club

Ich fand die Einführung von Joschi am Anfang sehr gut. Beim Live-Test mit Screenreader war für mich nicht allzuviel Neues dabei. Teilweise ging die Diskussion aber auch so in die Tiefe, dass es mir als Nicht-Programmierer schwer gefallen ist, zu folgen.

Ich finde es aber superschick, dass sich das Thema Barrierefreiheit mit dem Accessibility Club in Nürnberg ein Stück weit institutionalisiert hat und ich freue mich sehr, dass die Veranstaltung so ein toller Erfolg war. Das Nächste mal bin ich auf jeden Fall wieder dabei, ob persönlich oder via Hangout wird sich zeigen.

Hier auf dem Blog freue ich mich erstmal über Ergänzungen der Teilnehmer und andere Links und Anregungen zum Thema Barrierefreiheit. Ich werde Eure Anmerkungen natürlich an passender Stelle auch in diesen Artikel einfügen.

Überhaupt wollte ich noch kurz berichten, wie geil das Live-Bloggen ist. Man schreibt einfach und klickt ab uns zu auf Speichern. So haben die Leser ständig den aktualisierten Text und können ggf. Anmerkungen machen. Ein großer Spaß!