Die Eiskönigin: Vorbild für Mädchen?

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Gastbeitrag von Dr. Katja Heumader.

Meine Tochter liebt, wie wohl fast alle Mädchen zwischen drei und 13 Jahren, Elsa, Anna, Kristoff, Olaf und Sven. Obwohl der Film „Die Eiskönigin“ nun schon fünf Jahre alt ist, ist er in Kindergarten und Grundschule noch immer ein Renner. Das liegt natürlich zum einen an der geschickten Marketing- und Merchandising-Strategie von Disney. Zum anderen aber auch daran, dass die Figuren des Filmes differenziert gezeichnet sind, viele Facetten aufweisen und nicht den gängigen Klischees von „Gut“ und „Böse“ entsprechen. Als Mutter von zwei Töchtern kann ich sagen: Auch aus der Sicht des vermittelten Frauenbildes ist „Die Eiskönigin“ ein gelungener Film, der seinesgleichen sucht.

Die Eiskönigin - Filmplakat deutsch (Copyright: Disney)

Die Eiskönigin besteht den Bechdel-Test

Die erste Hürde nimmt die Eiskönigin mit Leichtigkeit: Den Bechdel-Test. Mithilfe des Bechdel-Testes lassen sich weibliche Stereotype in Filmen gezielt aufspüren. Er stellt drei Fragen:

  1. Gibt es in dem Film mindestens zwei Frauenrollen?
  2. Sprechen diese Frauen miteinander?
  3. Sprechen sie über etwas anderes als über Männer?

Im Falle der Eiskönigin lautet die Antwort auf jede dieser Fragen: ja. „Herr der Ringe“ besteht den Test übrigens nicht. „Fluch der Karibik“ auch nicht.

Die Geschichte

Die Eiskönigin basiert auf dem Hans Christian Andersen-Märchen „Die Schneekönigin.“ Im Mittelpunkt des Filmes stehen die beiden Schwestern Anna und Elsa, die Prinzessinnen des fiktiven Königreichs Arendelle. Elsa hat eine magische Fähigkeit: Sie kann aus ihren Händen Eisblitze schießen und alles einfrieren. Als Kinder spielen die beiden Schwestern unbeschwert miteinander – bis eines Nachts Elsa ihre kleine Schwester Anna versehentlich durch einen Eisblitz verletzt. Zwar können die Trolle im Wald Anna retten, aber Elsa verschließt sich daraufhin aus Angst, erneut jemanden zu verletzen, vor der Außenwelt und ihrer Schwester, die auch die Erinnerung an den Vorfall und an die magische Kraft Elsas verloren hat.

Die Eltern der beiden kommen ums Leben und als Elsa erwachsen ist, wird sie zur Königin von Arendelle gekrönt. Bei den Krönungsfeierlichkeiten kommt es zum Eklat zwischen den Schwestern: Anna will Hans, den sie eben erst kennengelernt hat, heiraten, was ihr Elsa nicht erlauben will (Im Übrigen entpuppt er sich tatsächlich als übler Fiesling). Im darauffolgenden Streit schießt Elsa unkontrolliert Eisblitze in die Menschenmenge und flieht dann in die schneebedeckten Berge. Anna macht sich auf die Suche nach ihrer Schwester um sie zurückzuholen.

Elsas Befreiung

Auf dem Nordberg angekommen, singt Elsa (das ist in Disney-Filmen so üblich) einen Befreiungssong – der dürfte wohl den meisten bekannt sein. Englischer Titel: „Let it go“ – auf Deutsch: „Ich lass los“. Elsa befreit sich von den konventionellen Kleidern, öffnet die Haare, baut mit ihren magischen Kräften ein wunderschönes Schloss aus Eis, in das sie sich vor der Gesellschaft, von den Pflichten und den Erwartungen, die an sie gestellt werden, zurückzieht.

Kurz gesagt: Elsa hat es satt, sich zu verstellen um anderen zu gefallen. Sie will so sein, wie sie ist, will ihre magischen Kräfte nicht mehr verstecken. Dafür zieht sie sich aus der Gesellschaft zurück und es ist ihr egal, was die anderen über sie denken. Aber sie will auch die Gesellschaft vor sich selbst schützen, da sie denkt, ihre Kraft nicht kontrollieren zu können.

Anna findet ihre Schwester

Anna schafft es schließlich mit der Hilfe des Eisfarmers Kristoff und seines Elches Sven auf den Nordberg zu ihrer Schwester. Anna will mit Elsa sprechen und sie überzeugen, zurück nach Arendelle zu kommen – was Elsa kategorisch ablehnt. Aufgewühlt trifft Elsa Anna versehentlich mit einem Eisblitz ins Herz, woraufhin diese mit Kristoff das Schloss verlässt.

Kristoff bringt Anna zu den Trollen, die sie schon als Kind geheilt haben. Doch diesmal ist die Situation schwieriger: Ein gefrorenes Herz kann nur ein Akt der wahren Liebe retten. Anna denkt sofort an ihren Verlobten Hans, der sie durch einen Kuss retten kann. In größter Eile bringt Kristoff Anna zurück zum Schloss, wo Hans ist. Doch statt Anna zu küssen, will er sie sterben lassen: Er wollte sie nur heiraten, um König von Arendelle zu werden. Und auch Elsa will er nun aus dem Weg räumen: Da sie sich nicht gerade im besten Licht präsentiert hat, ist es ein Leichtes für ihn, sich als Retter von Arendelle zu präsentieren, wenn er Elsa gefangen nimmt. Das tut er nun auch.

Wahre Liebe

Nun kommt es zum Showdown: Anna erkennt, dass sie eigentlich in Kristoff verliebt ist und er derjenige ist, der sie retten kann. Mit letzter Kraft schwankt sie über den zugefrorenen Fjord durch den Schneesturm, Kristoff entgegen. Doch plötzlich sieht sie Elsa, die die Ketten im Gefängnis durch Einfrieren gesprengt hat und nun von Hans mit dem Schwert bedroht wird. Sie wirft sich Hans entgegen – und gefriert im selben Moment zu einem Eisklotz. Hans‘ Schwert zerspringt.

Elsa bricht in Tränen aus und umarmt den Anna-Eisklotz innig. Langsam beginnt Anna zu tauen und erwacht wieder zum Leben. Die Liebe ihrer Schwester hat sie gerettet. Der Sommer kommt nach Arendelle zurück und die beiden Schwestern kehren in die Mitte des Schlosses zurück, das nun die Tore weit geöffnet hat.

Was vermittelt die Eiskönigin?

Während Frauenrollen (Der Artikel Die Eiskönigin – Völlig unverfroren und progressiv beleuchtet die Entwicklung der Frauenrollen) in zahlreichen erfolgreichen Filmen darauf reduziert werden (Einblicke in Geschlechterrollen im deutschen Film und TV bietet diese Studie der Uni Rostock), wahlweise

  1. schmückendes Beiwerk für die männlichen Akteure zu sein, die die Handlung vorantreiben,
  2. auf der Suche nach einem Mann sind, der sie endlich glücklich machen soll
  3. oder unglücklich sind, weil sie nicht so sind wie die anderen,

zeigt „Die Eiskönigin“ (kleinen) Mädchen etwas ganz anderes:

  1. Frauenrollen tragen die Handlung und sind aktiv. Sie übernehmen Verantwortung (insbesondere Anna für ihre Schwester) und tun, was sie für nötig halten.
  2. Das Ziel von Anna und Elsa ist es nicht, einen Mann zu finden oder Konventionen zu erfüllen. Sie wollen ein Königreich regieren und glücklich leben.
  3. Frei ist man erst, wenn man sich selbst so akzeptiert und liebt wie man ist – mit allen Facetten und egal, ob sie anderen gefallen oder nicht.
  4. Entscheidend ist nicht, was die anderen von einem erwarten, sondern was einen selbst glücklich macht.

In einer Gesellschaft, in der Mädchen noch immer dazu erzogen werden, anderen zu gefallen, süß und lieb zu sein statt auf ihre eigenen Bedürfnisse zu hören, ist das eine bemerkenswerte Botschaft für einen Kinderfilm, der sich speziell an Mädchen richtet. Deshalb kann meine Tochter diesen Film immer wieder anschauen – und ich schaue gerne mit.