#BreakingBias - Frauen in der digitalen Zukunft: Konferenz der TUM 2018

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Wie gelingt es, mehr Frauen für MINT Berufe zu begeistern und welche Hürden gibt es für divers besetzte Teams? Am 7. Dezember 2018 diskutierten 1.200 Teilnehmerinnen an der TU München diese Fragestellungen. Hier kommt mein Bericht.

Konferenz: Frauen in der digitalen Zukunft. München, 2018

Als ich einer Freundin davon erzählte, dass ich auf eine Konferenz für Frauen und Digitalisierung gehe, fand sie das sexistisch: Dass man 2018 noch etwas speziell für Frauen anbietet, erschien ihr rückständig. Auf diese Idee wäre ich nie gekommen und so musste ich eine Weile über eine gute Antwort nachdenken. Ich würde sie wie folgt formulieren:

Die Wissenschaft zeigt uns, dass Frauen und Männer sich hinsichtlich ihrer geistigen Fähigkeiten nicht unterscheiden. Sie zeigt uns aber auch, dass in der Berufswelt große Unterschiede zwischen den Geschlechtern bestehen. Das ist eine Diskrepanz, über die man sprechen muss.

Männer erreichen beim Speerwerfen größere Distanzen. Frauen haben einen Vorteil beim Langstreckenschwimmen in kaltem Wasser. Für die Arbeit am Computer ist beides irrelevant, so die launige Feststellung auf der Konferenz. Ja, gelacht wurde oft. Nicht nur beim Schlagabtausch zwischen der Schauspielerin Dr. Maria Furtwängler und Volker Herres, dem Programmdirektor der ARD, die sich über die Frauenbilder und Frauenquote im Fernsehen austauschten.

In diesem Zusammenhang erwähnenswert ist die sogenannte Trichtertheorie, die oft herangezogen wird, wenn man erklären möchte, warum so wenige Frauen in diesem oder jenem Beruf arbeiten: Das Problem läge bereits in der miesen Frauenquote bei den Auszubildenden/Studierenden dieses Berufszweiges. Dass diese Theorie wenig belastbar ist wurde mehrfach erläutert, doch auch Herr Herres reitet auf ihr herum. Die Antwort, warum man denn nicht wenigstens bei den animierten (!) Figuren in den Kindersendungen eine 50:50 Verteilung hinbekommt, blieb er aber schuldig. Tatsächlich sind von 4 Figuren 3 männlich.

Verhandlungstipps für Frauen Alle

Warum die Frauenquote in den Medien so wichtig ist, zeigen die vielen Berichte, in denen die Vorbildwirkung erklärt wird. Junge Mädchen brauchen Vorbilder, erwachsene Frauen ein Netzwerk. Ach ja, und die Gesellschaft braucht einen strukturellen Wandel. Dass Deutschland im Vergleich mit anderen westlichen Industrienationen ein eher... konservatives Rollenbild hat, setzte Prof. Dr. Hannah Riley Bowles in einen (für mich) völlig neuen Zusammenhang. Sie stellte eine Verbindung zum Nationalsozialismus her. Ich fasse das in eigenen Worten mal so zusammen: Für den wirtschaftlichen Erfolg eines Staates ist es egal, wer die Kinder bekommt, Hauptsache es gibt viele davon. In nationalistisch geprägten Ländern, ist es gesellschaftlich erwünscht, dass vor allem die "eigenen" Frauen Kinder bekommen. Dies erreicht man am besten mit einer möglichst konservativen Arbeitsteilung. Männer verdienen das Geld, Frauen hüten Heim und Herd.

Prof. Dr. Hannah Riley Bowles on Negotiating #BreakingBias

Eigentlich ging es in ihrem Vortrag aber um das geschickte Verhandeln. Sie erforscht an der Harvard University dieses Thema und kommt zu dem Schluss, dass Verhandlungstaktiken und das Verhandlungsgeschick wenig mit dem Geschlecht zu tun haben. Sie hält nichts von den üblichen Ratschlägen an Frauen, sich möglichst hart und männlich zu geben. Ihre Tipps lauten:

  • Netzwerke pflegen
  • Vorbilder suchen (und Vorbild sein)
  • Mentoren suchen (und Mentor sein)
  • Ressourcen anzapfen und Informationen sammeln

Stereotype im Beruf und wie man ihnen begegnet

Allbright Stiftung: FührungsFrauenFloskel Nr. 6

Organisatorin der Konferenz war Prof. Dr. Isabell M. Welpe. In ihrem Vortrag "(MINT-)Stereotype durchbrechen - Umsetzungsbedarf in Medien, Bildung, Wirtschfaft" stellte sie auf sehr humorvolle Weise einige Stereotype vor, die auf Frauen in naturwissenschaftlichen und technischen Berufen projeziert werden und stützte sich dabei auf die Erkenntnisse der Allbright Stiftung, deren Webseite, (insbesondere das Floskelbingo) ich wärmstens empfehlen kann.

Prof. Dr. Prisca Brosi hat dieses Thema dann noch einmal vertieft. Sie berichtete wie stark die Auswirkung von Stereotypen auf die Leistung sind. In einem Umfeld, in dem verbal und visuell die männliche Stärke betont werden, zeigen Mädchen schlechtere Leistungen. Da hat auch schon ein einziges Poster im Klassenzimmer einen messbaren Effekt. Prisca Brosis Mission: Stereotypfreie Umgebungen schaffen. Ganz wichtig ist ihr das im Bildungsbereich von Schule bis Universität. Zahlreiche Studien stützen diese Forderung. Fazit: Landschaftsbilder statt Superhelden im Klassenzimmer.

Vom Händewaschen und dem limbischen System

Der Vortrag von Lisa Kepinski, Gründerin des Inclusion Institute, ist mir ebenfalls sehr in Erinnerung geblieben. Sie erzählt davon, wie sie von einem Hinweisschild zum Thema Händewaschen so fasziniert war, dass sie glatt vergessen hat, ihre Hände zu waschen. Die detaillierte und bildgewaltige Beschreibung des korrekten Waschvorganges hatte einfach den falschen Bereich ihres Gehirns angesprochen.

Die Technik des Nudging wurde 2017 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Hätte man sie in dieser Toilettenanlage angewendet, hätte Frau Kepinski das Händewaschen sicherlich nicht vergessen, denn eine smarte Anordnung der Räumlichkeiten und eine Spur am Boden, die man entlang laufen kann, hätten ihr limbisches System angesprochen.

Der Trick, wenn man Menschen dazu bekommen will, etwas bestimmtes zu tun ist, dass man es ihnen so leicht macht, dass sie nicht darüber nachdenken müssen. Point the way and make it simple sagt Lisa Kepinski dazu. Wie man die Technik des Nudging auch auf die Arbeit and der Gendergerechtigkeit anwenden kann fasst Maren Martschenko in ihrem Tweet zusammen:

Meine Erziehungs Bucket List von der #BreakingBias Konferenz

Die Brillen, die ich während der Konferenz auf hatte, habe ich oft gewechselt. Mal habe ich die Feministinnenbrille aufgehabt und mich gefreut, wie viele Argumente, Zahlen und Theorien ich schon kenne und wie leicht es mir fällt, mich an Diskussionen zu beteiligen. Mit der Marketingbrille habe ich den Frauen, die ich kennengelernt habe, von der Firma erzählt, bei der ich arbeite, habe über die Notwendigkeit von Verschlüssellung referiert und von meiner Chefin berichtet, die als weibliche CEO eines Tech Startups ein gern gesehener Gast bei Podiumsdiskussionen ist.

Lisa Figas

Am intensivsten war für mich am 7. Dezember aber der Blick als Mutter. Unser ältestes Kind ist nun fünf Jahre und wir entdecken so langsam sein Interessen und staunen über diese unfassbare Wissbegierde. Wir hoffen, dass seine Neugier und der Spaß am Lernen die Schule überleben werden und fragen uns, wie wir selbst dazu beitragen können. Unsere Tochter ist nun zweieinhalb und beginnt gerade erst, sich ihrer eigenen Persönlichkeit bewusst zu werden. Unsere Aufgabe als Eltern ist es, den beiden den besten Nährboden für ihre persönliche Entfaltung zu bieten. Von der Konferenz habe ich diesbezühlich zwei große Ideen mitgenommen:

  1. Wir Eltern sollten sensibel und wachsam sein, wenn es darum geht, die Talente unserer Kinder zu entdecken. Wir sollten versuchen Talente, Vorlieben und Dinge, die leicht fallen voneinander zu trennen und unsere Kinder behutsam bei der Berufswahl begleiten. Wir sollten offen sein und darauf achten, dass das Umfeld möglichst frei von Stereotypen ist. Das gelingt zum Beispiel indem wir bewusst Vorbilder zeigen, die "untypische" Berufe ausüben.
  2. Wir Eltern sollten daruf achten, hemmende Aussagen zu vermeiden. "Mathe ist nichts für Mädchen" werden garantiert weder mein Mann noch ich je sagen. Aber auch ein geringschätziger Tonfall oder ein zweifelnder Blick können in einem Kind viel Schaden anrichten. Hier gilt es, seine eigenen Vorurteile immer wieder zu hinterfragen und sein Verhalten genau zu überdenken.

Dazu ein passender Tweet von Almut Schnerring, deren Buch Die Rosa-Hellblau-Falle ich auch schon hier im Blog vorgestellt habe:

Ich habe den Tag in München sehr genossen und fand die Atmosphäre auf der Konferenz wunderbar. Es war so leicht ins Gespräch zu kommen und es war so wohltuend von so vielen schlauen Frauen umgeben zu sein. Ich bin beim nächsten mal jedenfalls wieder dabei.