Sachbuch: Das Schuljahr nach Corona

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Essay-Sammlung mit Ideen zur Reform von Schulorganisation, Lehrplan und Distanzunterricht, herausgegeben von Julia Egbers und Armin Himmelrath.

Bildungs-Journalist Armin Himmelrath steht mir seit der Corona-Pandemie besonders nah, weil er den Finger in die Wunden legt, die zuvor notdürftig geflickt wurden. Zuerst hatte mich – aufgrund unserer eigenen, leidvollen Homeschooling-Erfahrungen das Thema Hausaufgaben sehr interessiert, weshalb ich mich hier im Blog mit seinem Buch Hausaufgaben – Nein Danke! befasst habe. Dort hat er bereits stark kritisiert, wie die Erledigung von Schulstoff im familiären Umfeld soziale und finanzielle Ungleichheiten verstärkt und Familien belastet.

Sein neues Buch hat Armin Himmelrath gemeinsam mit der Medienpädagogin und Lehrerin Julia Egbers herausgegeben. Es besteht aus Texten von 16 Autorinnen und Autoren, die sich mit der Frage befassen, wie sich die Schule durch Corona verändert hat und welche Veränderungen in Zukunft nötig sein werden, um unser deutsches Bildungssystem nachhaltig für alle zu verbessern.

Ein paar Texte möchte ich hier näher vorstellen, damit ihr einen Eindruck von dem Sammelband bekommt. Zunächst ist es aber wichtig, Das Schuljahr nach Corona in einen zeitlichen Kontext zu setzen, denn die Texte sind im Sommer 2020 entstanden, als sich die Fallzahlen in Deutschland wieder entspannt hatten, aber noch kein Impfstoff in Sicht war.

Sozialisation in Krisenzeiten – der Lockdown offenbart die Defizite des deutschen Schulsystems

Ulrich Bauer, Klaus Hurrlemann

Was wir eigentlich nach dem PISA-Schock überwinden wollten ist der extreme Einfluss des sozioökonomischen Hintergrundes auf die Schullaufbahn des jeweiligen Kindes. Doch nun fallen wir wieder in das alte Muster zurück, in dem die Kinder aus den Bildungsbürger-Haushalten genügend Geräte, Bandbreite und Online-Nachhilfe bekommen, um das Homeschooling zu meistern. Kinder aus Familien, in denen Zeit, Geld und Deutschkenntnisse rare Güter sind, werden weiter abgehängt.

Wir werden uns mit dem Auseinanderdriften dieser beiden Gruppen in den kommenden Jahren vermutlich in jedem einzelnen Klassenzimmer befassen müssen.

Potenzielle Auswirkungen der Corona-Krise auf soziale Ungleichheiten und Schulorganisation

Marcel Helbig

Im zweiten Beitrag wird deutlich, welch großem Risiko viele Kinder durch den Ausfall der Schule ausgesetzt sind. Um eine Idee dafür zu bekommen, was monatelanger Ausfall der Schule für Kinder aus unteren Schichten bedeutet, hat sich Marcel Helbig angesehen, wie es US-amerikanischen Kindern nach den 3 Monate dauernden Sommerferien geht. So beobachtet man dort jedes Jahr einen Anstieg des BMI, weil die Kinder zu Hause häufig nur gesüßte Lebensmittel bekommen und verhältnismäßig viele industriell verarbeitete Lebensmittel essen. Ein weiteres Problem ist der Mangel an Obst und das permanente Passivrauchen, dem viele Kinder ausgesetzt sind.

Die Schule als reine Verwahranstalt für solche Kinder zu sehen, greift sicherlich zu kurz. Hier müssen neben der Öffnung der Schulen auch andere, strukturelle Probleme angegangen werden. Der Blick in die USA ist allerding interessant.

Trauma und Virus: Eine Psychologie der Corona-Krise

Kerstin Stemmer

Die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Kerstin Stemmer schreibt im dritten Beitrag über die traumatischen Erfahrungen, die viele Kinder im Familienalltag machen. Sie beschreibt, wie psychisch belasteten Kindern und Kindern aus gewalttätigem Umfeld während der Corona-Pandemie geholfen werden kann. Außerdem erklärt sie, warum sich bestimmte Aspekte, wie beispielsweise die fehlende Planungssicherheit der Corona-Krise negativ auf solche Kinder auswirken.

Auch hier wird die Öffnung der Schulen nicht als Allheilmittel dargestellt – so wie es inzwischen auch in einigen aktuelleren Veröffentlichungen heißt, dass die Schule Kindern aus problematischen Familien nicht automatisch hilft. Sie kann vielmehr Traumata falsch deuten oder psychische Probleme verstärken. Es ist wichtig, die Probleme der Kinder und Jugendlichen gezielt und strukturell zu erkennen und zu lösen, anstatt einfach darauf zu hoffen, dass man sie bald wieder in Klassenzimmern parken kann.

Erfahrungsberichte und pädagogische Ebene

Britta Mersch, Esther Dörnemann, Sandra Witt

Sehr eindrücklich sind mir auch die Erfahrungsberichte einer Mutter und einer Lehrerin in Erinnerung geblieben. Beide blicken in ihren Beiträgen auf die Phase der ersten Schulschließungen im März zurück. Es tat überraschend gut, eine Beschreibung der eigenen Lebenssituation aus anderen Perspektiven zu lesen.

Sandra Witt, ebenfalls Lehrerin, hat sich mit den 5 Phasen der Krisenbewältigung befasst und diese auf der Beziehungsebene beleuchtet. Sie beschreibt die Bewältigung des „New Normal“ wie wir den Schulalltag gerne nennen, anhand von Vereinzelungsphase, Autonomiephase, Frustrationsphase, Stabilisierungsphase und Erweiterungsphase. Auch dieser Beitrag hat mich sehr berührt.

Wir sagen oft, dass man nachsichtig mit sich selbst sein soll – es ist ja schließlich unsere erste Pandemie. Zu sehen, welche Phasen man selbst bereits durchgestanden hat und zu erkennen, wo auch fruchtbares aus dieser Krise entstanden ist, war für mich ein positiver Impuls mitten in der dunkelsten Zeit des Jahres am Ende des ersten Homeschooling-Tages in 2021.

Corona-Zeiten sind Fake-News-Zeiten: Wie Schule damit umgehen kann

Armin Himmelrath

Himmelrath selbst schlägt vor, dass die Schulen sich stärker um die Entzauberung von Verschwörungserzählungen kümmern sollten – was in Zeiten von Corona dringend nötig ist. Zumal die Schulen dabei gute Erfahrungen haben, da das Richtigstellen von Fehlannahmen dort täglich durchgeführt wird. Dazu hat er einige Vorschläge für die Arbeit in Gruppen und die anschließende Diskussion.

Sein Vorschlag, dass sich Lehrer gemeinsam mit Schülern Verschwörungserzählungen ausdenken ist allerdings schlecht und geradezu gefährlich. So nennt der Politologe Bernd Hader (hier auf Twitter) zwei Argumente gegen das Erfinden eigener Verschwörungen:

  1. Je, nachdem, wie gekonnt die ausgedachte Geschichte verbreitet wird, fängt man sie nie mehr ein. Die Auflösung interessiert zwei Tage später keinen mehr. Das ist beispielsweise durch UFO-Meldungen im Radio gut belegt.
  2. Man sollte die Kinder nicht auf den Geschmack bringen, wie leicht es ist, Erwachsene zu verkeilen, Fake News zu verbreiten und Macht auszuüben. Eine Verschwörung zu erfinden ist ein sehr verführerisches Selbstwirksamkeits-Experiment.

Das sollten sich Lehrer*innen zu Herzen nehmen und andere Unterrichtsmethoden nutzen, um die Gefahr von Fake-News zu besprechen.

Schule neu denken – Impulse und Anregungen für eine Schule von morgen

Linda Göcking

Der Beitrag von Linda Göcking beginnt mit einem Zitat John Holt (Aus schlauen Kindern werden Schüler): „Die einzige Antwort, die im Kopf eines Kindes wirklich hängen bleibt, ist die Antwort auf die Frage, die es selbst gestellt hat.“ Das hat mich begeistert und mich ehrlich gesagt auch wieder motiviert, die Fragen unseres Siebenjährigen etwas ausführlicher zu beantworten und vielleicht sogar mit kleinen Experimenten zu vertiefen. In den Schulen hingegen werden in der Regel Antworten auf Fragen gegeben, die niemand gestellt hat.

Göcking stellt klar heraus, dass Kinder vor allem eines brauchen: Frei verfügbare Zeit. Idealerweise kommen dann noch Spielkamerad*innen hinzu. Dann können sie sich ausprobieren und ihre Interessen entwickeln.

Von den vier Forderungen der Autorin, ist mir vor allem „Mehr Lernorte Zulassen“ in Erinnerung geblieben. Nicht alle Schüler*innen finden laute Klassen angenehm. Parallel zum Präsenzunterricht auch Unterreich per Video zuzulassen würde den Kindern Raum für Individualität geben, die Lernatmosphäre verbessern und – quasi als netten Nebeneffekt – die Klassen verkleinern.

Was wünschst Du Dir für die Schule nach Corona?

Ich habe lange überlegt, wie ich mir die Schule der Zukunft wünsche und tu mich schwer damit, mir eine Veränderung vorzustellen. Die Idee von Linda Göcking, auch in Zukunft Distanzunterricht zu ermöglichen finde ich toll.

Ansonsten hänge ich Gedanklich zu sehr in der Gegenwart fest und stelle mir viele Fragen dazu, wie wir Eltern das Homeschooling in der zweiten Klasse betreuen sollen, welche Fehler wir verbessern und welche wir stehen lassen sollen und wie viel Selbstorganisation man überhaupt erwarten kann in diesem Alter. Diese Fragen beantwortet uns im Moment niemand. Das wäre für mich als Mutter der erste Schritt.

Schreib mir, welche Ideen Du hast. Ich stelle Sie gern (auf Wunsch auch anonym) hier im Blog vor.

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Das Buch Das Schuljahr nach Corona ist bei hep erschienen und kostet als eBook 16,99 €. Ich danke dem Verlag für die Bereitstellung eines kostenfreien Rezensionsexemplars.

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