Soll mein Kind auf eine Ganztagsschule gehen?

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In wenigen Tagen erfahren wir, ob unser Vorschulkind in der Grundschule eine Ganztagsklasse besuchen wird oder ob es in den Hort kommt. Für beide Alternativen haben wir uns beworben. Hier kommen unsere Gründe.

Ganztagsschule

Mit einem 6. Geburtstag, der unmittelbar vor der Einschulung liegt, ist unser Sohn ein sogenanntes Kann-Kind. Wir könnten für ihn ohne weitere bürokratische Hürden eine Schulrückstellung erwirken. Tatsächlich haben wir darüber nachgedacht. Doch Gespräche mit dem Kindergarten, dem Kinderarzt und der Erziehungsberatung hatten zum Ergebnis, dass wir ihm die Einschulung mit 6 Jahren zumuten können. Diese Entscheidung hatten wir uns nicht leicht gemacht. Doch seit sie gefallen ist, fühlt sie sich richtig an.

Nun haben wir die ersten Infoveranstaltungen und Gespräche an der Grundschule hinter uns gebracht und stehen vor einer neuen Entscheidung: Gebundener Ganztag oder normale Klasse mit anschließender Nachmittagsbetreuung im Hort? Beide Möglichkeiten stehen uns offen, denn unsere Sprengelschule stellt gerade zum neuen Schuljahr eine von vier ersten Klassen auf eine Ganztagsklasse um.

Was ist eine Ganztagsschule?

Es gelten je nach Bundesland abweichende Definitionen für die Ganztagsschule, doch die Kultusministerkonferenz (KMK 2013:4) hat sich auf folgende drei Kriterien für den Ganztag geeinigt:

  1. An mindestens drei Tagen pro Woche wird ein ganztägiges Angebot für Schülerinnen und Schüler bereitgestellt, das täglich mindestens 7 Zeitstunden umfasst.
  2. Es wird ein Mittagessen bereitgestellt.
  3. Die Ganztagsangebote stehen in einem konzeptionellen Zusammenhang mit dem Unterricht.

Vor allem der letzte Punkt ist entscheidend. So geht es eben nicht um die reine Betreuung der Kinder, sondern um einen erweiterten Unterricht, also zum Beispiel Wiederholungsstunden, Ausflüge, Projektarbeit).

An der Grundschule, an der unser Kind eingeschult wird, versteht die Schulleitung darunter zum Beispiel eine Ausdehnung des Unterrichtsstoffes auf mehr Zeit. Diese Zeit steht beispielsweise für  Exkursionen zur Verfügung. Selbstverständlich werden für die Kinder Pausen und Phasen eingeplant, in denen sie frei spielen oder sich anderweitig entspannen können. Es ist wichtig zu verstehen, dass Kinder in Ganztagsschulen nicht etwa mehr Stoff bewältigen müssen. Im Gegenteil: Sie haben mehr Zeit.

Ein wichtiger Vorteil für uns ist, dass es in der gebundenen Ganztagsschule keine Hausaufgaben geben wird. Natürlich muss man mit den Kindern lesen üben. Das ist klar. Doch es wird keine nachmittagsfüllenden Dramen rund um das Einmaleins oder die Kommaregeln geben. Das ist meinem Mann und mir aus zwei Gründen wichtig: Zum einen arbeiten wir beide Vollzeit, wodurch sich jede Hausaufgabenbegleitung zwangsläufig in den Abend verschiebt. Zum anderen ist der Abend ohnehin schon eine anstrengende Zeit in unserer Familie, die wir auf keinen Fall mit weiteren Aufgaben beladen wollen. In der Ganztagsklasse werden die Wiederholungsaufgaben so eingeteilt, dass sie innerhalb der Unterrichtszeiten abgearbeitet werden können.

Gebundener Ganztag

Die Bezeichnung gebundener Ganztag bezieht sich auf die Schulpflicht. Eine Gebundene Ganztagsschule besteht dann, wenn die Kinder an mindestens drei Nachmittagen Teilnahmepflicht haben. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn die Ganztagsangebote in einem konzeptionellen Zusammenhang mit dem Unterricht stehen. Da würde den Schülern und Schülerinnen ja Unterrichtseinheiten fehlen. Der offene Ganztag hingegen ist eher mit dem Hort vergleichbar. Hier verbringen die Schüler und Schülerinnen die Zeit nach dem Unterricht unter Betreuung in unterschiedlichen Angeboten und Projekten. Dieses Modell ist eher in Österreich üblich.

Ganztagsklasse vs. normale Klasse und Hort

In unserem Fall gibt es zwei Möglichkeiten.

Zunächst ist da die gebundene Ganztagsklasse, die zum neuen Schuljahr an unserer Grundschule startet. Hier darf man sich über höchst engagierte Lehrerinnen freuen und kann darauf hoffen, dass das Kind von einem gewissen Gründergeist profitiert. Die Schule liegt zentral, wodurch Museen, Parks und der Zoo gut erreichbar sind. Die Schulleitung plant, diesen Vorteil zu nutzen und viele Exkursionen zu machen.

Die andere Variante ist die normale Grundschulklasse, bei der Kinder kurz nach 11 Uhr Schulende haben. Sie laufen dann im Anschluss gemeinsam (zunächst in Begleitung, später allein) in den Hort. Unser Hort hat den Vorteil, dass er an den Kindergarten angebunden ist - und zwar sehr eng. Die Kinder kennen sich untereinander und auch alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Horts. Dieser Hort einen sehr guten Ruf, was die Hausaufgabenbetreuung anbelangt. Hier werden (ähnlich wie in der Ganztagsklasse) auf uns als Eltern nur noch Leseübungen zukommen. Unschlagbarer Vorteil des Hortes: Die Ferienbetreuung ist ebenfalls gewährleistet.

Ferienbetreuung als wichtigstes Argument

Es gibt in unserer Stadt viele Angebot für Ferienkinder. Auch die Familie könnte hin und wieder einspringen. Doch angesichts von über 90 Tagen schulfrei pro Jahr schlackern uns die Ohren. Dazu kommt, dass unser Kind im Vergleich zu anderen sehr lange braucht, um sich in Gruppen einzufügen. Ihm alle 6 Wochen (ja, so häufig gibt es Schulferien) eine andere soziale Gruppe zuzumuten wäre einfach nicht fair. Die Schule wird anstrengend genug, da müssen wir darauf achten, dass er dann nicht auch noch in den Ferien zusätzlich belastet wird.

Obwohl wir die Vorteil der Ganztagsklasse sehen, ist es uns einfach zu unsicher, ob und wie und ab wann dort auch eine feste Ferienbetreuung angeboten wird. da das im Moment noch nicht absehbar ist, hoffen wir, dass unser Sohn einen Platz im Hort bekommt. Ob das klappt erfahren wir in wenigen Tagen.

Buchtipp: Gute Ganztagsschulen entwickeln

In der Phase der Entscheidungen, Bewerbungen und Überlegungen, habe ich mir das Buch Gute Ganztagsschulen entwickeln durchgelesen, das von der Bertelsmann Stiftung herausgegeben wurde. In dem Buch werden verschiedene Studien zitiert, die Leistungen der Schüler verglichen und oft kommt das Kollegium zu Wort.

Gute Ganztagsschulen entwickeln. Zwischenbilanz und Perspektiven.

Am besten gefallen haben mir die Schulportraits, die zwischen den einzelnen Kapiteln eingefügt sind. Hier werden Beispiele für Ganztagsschulen vorgestellt. Dabei wird auch das regionale und soziale Umfeld der Schule betrachtet. Spannend fand ich auch die Überlegungen, die im Vorfeld der Umstellung stattfanden. Auch dazu gibt es in Gute Ganztagsschulen entwickeln viele Berichte und Ideen: Wie kann die Schulleitung das Kollegium von der Umstellung auf den Ganztag überzeugen und weshalb ist es so wichtig, Partnerschaften mit anderen Trägern einzugehen.

Im Grunde wird ein umfassendes Bild der Ganztagsschule erstellt und man erfährt in diesem Buch interessante Fakten. So sind beispielsweise bereits jetzt 40% der Schüler und Schülerinnen in Deutschland in Ganztagsschulen oder Ganztagsklassen.

Der Verlag schreibt: Das Buch gliedert sich in drei Themenblöcke: Im ersten Teil werden der Stand der Ganztagsschulforschung dargestellt und neuere Daten zur Wirkung von Ganztagsschule auf die Lernentwicklung von Schülern diskutiert. Die Analysen im zweiten Abschnitt fokussieren auf die Rahmenbedingungen, unter denen ganztägiges Lernen in Deutschland heute stattfindet und schätzen die Kosten eines weiteren, qualitätsvollen Ausbaus ab. Der dritte Block arbeitet Handlungsfelder und Empfehlungen zur Entwicklung guter Ganztagsschulen heraus. Der Band Gute Ganztagsschulen entwickeln. Zwischenbilanz und Perspektiven enthält kurze Porträts, Interviews, aussagekräftiges Zahlenmaterial und Schulgeschichten ausgesuchter Schulen, sie geben konkrete Einblicke und illustrieren die Entwicklungspfade und Meilensteine auf dem Weg zur guten Ganztagsschule.

Was mir als Mutter eines Vorschulkindes völlig fehlt, ist die Perspektive der Familien. Die Eltern kommen kurz zu Wort, wenn es darum geht, wie zufrieden sie mit dem Angebot sind. Natürlich sind sie tendenziell zufriedener damit als Eltern, deren Kinder in "normalen" Klassen unterrichtet werden. Das ist meiner Ansicht nach aber mit Vorsicht zu genießen, denn die Menschen tendieren dazu, sich ihre Entscheidungen im Nachhinein schön zu reden. Es ist nicht klar, ob dieser Effekt bei der Studie herausgerechnet wurde oder nicht. Von den Schülern erfahren wir kaum etwas.

Festzuhalten ist: Wie bei allen Dingen, die Mit Kindern zu tun haben, steht und fällt alles mit den Menschen. Ein engagiertes Lehrerkollegium, das Spaß an der Arbeit hat, wird den Kindern die Freude am Lernen vermitteln - egal wie lange die Kinder sich im Schulhaus befinden. Ist die Stimmung mies, kann das beste Ganztagskonzept nichts retten.

Der Band Gute Ganztagsschulen entwickeln. Zwischenbilanz und Perspektiven ist im Verlag der Bertelsmann Stiftung erschienen und kostet 28,00€. Ich danke dem Verlag für die Bereitstellung eines kostenfreien Rezensionsexemplares (das zu keinem besseren Zeitpunkt hätte kommen können).Zum E-Book Download geht es hier.