Kritik an Hausaufgaben zeigt wie belastend Homeschooling ist

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Soziale Ungleichheiten werden verstärkt und der familiäre Frieden ist bedroht: Hausaufgaben sind eine Belastung für alle Beteiligten, haben aber kaum Mehrwert für den schulischen Erfolg. Eine Analyse.

Ich gebe zu, der Stapel ungelesener Rezensionsexemplare ist recht... ansehnlich. Deshalb freue mich mich sehr, dass nun plötzlich ein Buch von 2015 so spannend für mich geworden ist, dass ich es richtig durchgearbeitet habe: Hausaufgaben - Nein Danke! von Armin Himmelrath.

Da unser Kind erst seit wenigen Monaten in die Schule geht und Hausaufgaben eigentlich im Hort macht, war das Thema für uns im Alltag nicht sehr präsent und auch kaum konfliktbehaftet. Das hat sich durch das Corona-Homeschooling nun leider komplett gewandelt. Nach dem 12. mehrstündigen Meltdown wegen 13 + 2 oder einer halben Zeile B's, die auf das Aufgebenblatt geschrieben werden sollen ist mir wieder eingefallen, dass ich das passende Buch zu dieser Situation im Regal stehen habe. Ein Buch, dass sich in einer Art Metaanalyse mit den bisherigen (Stand 2015) wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Thema Hausaufgaben befasst. Der neue Blickwinkel hat mir geholfen besser zu verstehen, warum wir als Familie und so schwer damit tun eine Schule nachzuspielen, die zeitweise ja ausschließlich aus Hausaufgaben bastand.

Hausaufgaben - Nein Danke!

Der Wissenschafts- und Bildungsjournalist Armin Himmelrath zählt eine ganze Menge Studien und Tests auf die beweisen, dass Hausaufgaben den Lernerfolg kaum erhöhen und sammelt weitere Argumente die für eine Abschaffung dieser Verlängerung der Schule in den familiären Bereich.

Vieles was Himmelrath schreibt klingt logisch und ist auch aus meinem Soziologiestudium bekannt. Doch was mich wirklich erstaunt hat ist die lange Tradition die hinter den Hausaufgaben steht. Bereits seit dem 15. Jahrhundert sind sie fester Bestandteil der Schule. Seitdem hat man nie ernsthaft ihren Sinn in Frage gestellt oder gar über eine Abschaffung nachgedacht. Und das obwohl es zahlreiche Argumente gibt:

  • Hausaufgaben verursachen seelischen Stress bei den Kindern weil sie sich oft nicht am Wissen und den Fähigkeiten zur Selbstorganisation orientieren sondern nur den Schulstoff enthalten, der im Unterricht nicht geschafft wurde.
  • Hausaufgaben verschlingen Zeit, die zur Ausbildung eigener Interessen und Talente fehlt.
  • Hausaufgaben regen die Schüler und Schülerinnen dazu an, zu Betrügen und zu Fäschen oder sich Ausreden auszudenken
  • Hausaufgaben verstärken bestehende ökonomische Ungleichheiten und Ungleichheiten bei der formalen Bildung: Manche Schüler und Schülerinnen leben in Familien wo niemand da ist, der bei Mathe oder Deutsch helfen kann.
  • Hausaufgaben führen zu Streit und langanhaltenden Konflikten innerhalb der Familie.
  • Es lässt sichwissenschaftlich nicht bestätigen dass Hausaufgaben den Lernerfolg verbessern. Lediglich beim Fach Mathematik konnten in manchen Klassenstufen leichte Verbesserungen festgestellt werden.
  • Die Freude am Lernen geht verloren, wenn am Nachmittag vier Stunden über dem gebrütet werden soll was am Vormittag schon nicht verstanden wurde.

Die Argumente derjenigen, die sich für die Beibehaltung von Hausaufgaben lassen sich in etwa so zusammenfassen:

  • Das haben wir doch schon immer so gemacht!

Hausaufgaben als Bestandteil des Unterrichts

Himmelrath schreibt, dass Hausaufgaben kein Bestandteil des Lehramtsstudiums sind. Ich konnte das nicht recht glauben und habe mal auf Twitter herumgefragt. Und tatsächlich: Fast neimend, der auf meinen Tweet geantwortet hat, hatte im Studium oder im Referendariat gelernt, wie man Hausaufgaben gestaltet. Das erklärt das natürlich, warum bei diesem Thema so viel schief läuft. Wenn viele Menschen an irgendetwas herumwursteln für das es keine wissenschaftliche Grundlage gibt ist das keine gute Grundlage für Erfolg...

Die Idee hinter den Hausaufgaben ist es, Stoff zu vertiefen. Doch der straffe Lehrplan pro Klassenstufe und Unterrichtsfach gibt wenig Raum für individuelles Feedback. 10 Minuten Rückblick auf die letzte Stunde müssen ausreichen. Wird nur eine einzige Verständnisfrage gestellt, gerät das ganze Konzept für die Schulstunde durcheinander.

Eltern wollen Hausaufgaben

Interessanterweise fordern oft Elternverbände oder Elternvertreter, dass Hausaufgaben beibehalten, oder nach einer Testphase ohne Heimarbeit wieder eingeführt werden. Die wichtigsten Argumente sind:

  • Durch die Hausaufgeben bekommen die Eltern mit, welche Themen gerade in der Schule behandelt werden.
  • Anhand der Hausaufgaben können die Eltern überprüfen, welche Fortschritte die Kinder in den unterschiedlichen Fächern machen.
  • Eltern sind durch die Hausaufgabenbetreuung am Lernprozess der Kinder beteiligt.
  • Hausaufgaben beschäftigen die Kinder, wodurch sie weniger Zeit haben, die am Computer "verplämpert" werden kann.

Ich persönlich kann kein einziges dieser Argumente nachvollziehen und fühle mich in meinem Vorurteil gegenüber Elternorganisationen gerade sehr bestätigt.

Zusammenfassung und Fazit

Die deutsche Soziologin Jutta Almendinger tritt immer wieder mit ihren Statements zur Familienpolitik und Bildungsthemen öffentlich in Erscheinung. 2013 ist ein lesenswerter Artikel erschienen, indem Sie sich klar gegen Hausaufgaben positioniert: "Hausaufgaben zementieren soziale Ungleichheit". Aus dem Fußball kennen wir die Formulierung Geld schießt Tore. Ähnliches gilt auch für die Hausaufgaben. Eltern, die es sich leisten können, an dem milliardenschweren Nachhilfe-Mark mitzuspielen, können ihren Kindern von Schuljahr zu Schuljahr einen Vorteil erkaufen. Finanziell schwache Familien müssen diese Leistung allein stemmen weil die Unterstützung durch hochambitionierte Lehramtsstudierende, die sich ihr Studium finanzieren schlichtweg zu teuer ist.

Ein schönes Schlusswort habe ich auf Seite 78 des Buches gefunden, indem die Studienlage zusammengefasst wird: Die Idee, schulische Lern- und Erziehungsaufgaben in die Sphäre der Familie zu delegieren, funktioniert so nicht.

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Das Buch Hausaufgaben - Nein Danke von Armin Himmelrath ist im hep Verlag erschienen und kostet 16,00€. Ich danke dem Verlag für die Bereitstellung eines kostenfreien Rezensionsexemplares.

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