Wie ich den Kopfstand meines Sohnes lieben lernte

Von
Abgelegt unter
Lesezeit:

5 min

Rezension: "So viel Freude, so viel Wut" von Nora Imlau. Gefühlsstarke Kinder verstehen und begleiten.

In meinen 5 Jahren als Mutter habe ich immer wieder überraschende Dinge über den kindlichen Körper gelernt. Barbara Sichtermann erklärte in ihrem Buch "Leben mit einem Neugeborenen" beispielsweise, dass ein durchgestreckter Rücken beim Baby auf Müdigkeit hindeutet, angezogene Beine hingegen auf Bauchweh. Bei Nicola Schmidt in "artgerecht" erfuhr ich, welche Wirkung das Tragen im Tragetuch auf Kleinkinder hat, wie sich die Muskeln passiv mitbewegen und warum die richtige Haltung im Tragetuch so wichtig ist für das Becken des Kindes. Nora Imlau hat mir nun gezeigt, warum der Kopfstand, den unser Sohn ständig macht gar keine nervige Angewohnheit ist, sondern vielmehr eine sehr schlaue Taktik, den Alltag zu bewältigen. Die kopfüber Körperhaltung löst nämlich im Gehirn das Signal zur Entspannung aus. Und Entspannung braucht unser Sohn offenbar dringend.

Anspannung und Stress bei Kindern

Ich vermute, dass unser Sohn ein sogenanntes Gefühlsstarkes Kind ist. Das sind Kinder, die es weniger gut schaffen, ihre Gefühle selbst zu regulieren und dabei viel Unterstützung brauchen. Nora Imlau erklärt dieses Thema in ihrem neuen Buch „So viel Freude, so viel Wut“. Dieses befasst sich damit, wie man gefühlsstarke Kinder verstehen und begleiten kann ohne dabei selbst auf der Strecke zu bleiben. Denn gefühlsstarke Kinder können für ihre Eltern und das Umfeld unglaublich anstrengend sein mit ihren permanenten und (scheinbar) grundlosen Wutausbrüchen wegen Dingen, die uns Erwachsenen nichtig erscheinen. Ungewohnte Umgebung, veränderte Abläufe, neue Bezugspersonen… all das können Situationen sein, in denen solche gefühlsstarken Kinder überfordert sind. Und diese Überforderung zeigt sich oft durch Wutanfälle, Schreien und kann auch zu Schlagen und Beißen führen.

So viel Freude, so viel Wut.

Gefühlsstarke Kinder verstehen und begleiten

Das Buch erklärt zunächst einmal, was an diesen Kindern so besonders ist. Ich liebe die Bücher von Nora Imlau deshalb so sehr, weil sie die die physischen Vorgänge genau erklärt, die hinter bestimmtem Verhalten stehen. Für mich ist das der beste Ansatz um mein Kind zu verstehen und das Verhalten einzuordnen. Denn erst, wenn ich es verstanden habe, kann ich auch damit umgehen.

Der Kopfstand ist dafür ein gutes Beispiel. Seitdem ich um die Wirkung auf das Gehirn weiß, erkenne ich plötzlich ein Muster darin, wann unser Sohn Kopfstand macht. Anstatt ihn zu schimpfen, dass so eine Turnerei nach dem Essen zu Bauchweh führen wird, freue ich mich darüber, dass er offensichtlich einen Trick gefunden hat, der ihm hilft mit dem Überschwang der Gefühle klar zu kommen. Ich weiß, dass es ihm in diesem Moment hilft und kann mich darauf verlassen, dass er danach entspannter ist. Und das wiederum macht mir den Alltag als Mutter leichter.

Der anstrengende Alltag

Nach der Lektüre von „So viel Freude, so viel Wut“ habe ich erkannt, dass unser Kind besonders ist, aber sicher kein Problemfall. Zum Buch gibt es eine Facebook Gruppe, in der sich betroffene Eltern austauschen. Die Berichte, die ich dort lese, lassen mir oft den Atem stocken. Es ist wirklich bedauerlich, wie anstrengend das Leben für manche Eltern ist und ich empfinde starkes Mitgefühl.

So viel Freude, so viel Wut. Grundsätze.

Die wichtigste Erkenntnis die ich, aber auch viele andere Leser aus diesem Buch ziehen ist: Das Kind kann nichts dafür. Klar fühlt es sich so an, als würde das Kind uns mit Absicht das Leben zur Hölle machen, als würde es nur ausrasten, um uns die Nerven lang zu ziehen, uns zu blamieren oder uns den Tag zu verderben. Doch dem ist nicht so. Das Kind weiß einfach nur weder ein noch aus. Es braucht Hilfe dabei, sich zu entspannen und den Alltag zu bewältigen.

Und diese Hilfe finden betroffene Familien in Nora Imlaus Buch. Sie hat für den deutschsprachigen Raum erstmals Informationen zusammengestellt, die Eltern im Alltag ganz konkret helfen. Strategien für verschiedene kritische Situationen (von Zähneputzen über Anziehen bis Essen), Ideen für den Familienalltag, den Tagesablauf und die Kinderbetreuung und konkrete Handlungsanweisungen für die Momente, in denen alles eskaliert.

Die Eltern im Blick

Nora Imlau erklärt zum einen ganz genau, was im gefühlsstarken Kind vorgeht, sodass man in anstrengenden Situationen nicht mehr hilflos vor einem Rätsel steht. Andererseits beachtet sich aber immer auch die Eltern bzw. die Betreuungspersonen. Man kann den Alltag mit einem Gefühlsstarken Kind bewältigen, indem man alles auf das Kind ausrichtet und sich selbst aufgibt. Doch das Ziel von Nora Imlau ist es, einen möglichst guten Alltag für alle Familienmitglieder zu gestalten. Und so betrachtet sich immer auch die Rolle der Eltern und der Geschwister mit.

Für wen ist das Buch „So viel Freude, so viel Wut“ geeignet?

Es gibt diese Kinder, die als Zappelphillip, Störenfried oder Diva bezeichnet werden. Die Kinder, die immer anstrengend sind, stören oder nerven. Wer solche Kommentare über sein Kind hört und sich fragt, warum alle anderen Eltern es scheinbar so leicht haben, der sollte sich mit dem Thema Gefühlsstärke befassen.

Ich persönlich hatte den Hype um das Buch schon längst mitbekommen, weil ich seit mehreren Jahren Fan von Nora bin. Doch was mich schlussendlich zum Lesen gebracht hat, waren die Rezensionen anderer Bloggerinnen. Die schrieben, dass dieses Buch ihr Leben in zwei Hälften geteilt hat. Die Hälfte davor und dann das Leben mit dem Wissen um die Besonderheiten des eigenen Kindes. Ich lese von Eltern, die in Tränen ausbrechen, während sie das Buch lesen, weil sie endlich verstehen, was mit ihrem Kind anders ist.

So intensiv war mein Erlebnis nicht, weil ich denke, dass unser Sohn eher eine milde Art der Gefühlsstärke hat. Dennoch hat es unser Verhältnis zu ihm stark verändert – ausschließlich zum Positiven. Wir arbeiten mittlerweile mehr mit Körperkontakt, bieten Rückzugsorte an und bereiten ihn anders auf ungewöhnliche Situationen vor. Genauso geben wir aber auch Raum zum „ausrasten“, rumschreien und toben. Unser Alltag ist einfacher geworden. Kein Spaziergang, aber eben etwas einfacher. Wie immer, wenn es um Kinder geht, ist vor allem die eigene Haltung entscheidend. Und die hat sich verändert. Wir haben nun mehr Klarheit. Und das kann man mit Gold nicht aufwiegen.

Hier geht es zum Test: Habe ich ein gefühlsstarkes Kind?

Ich habe wesentlich mehr zu sagen zu diesem Buch. Die Stellen, die mich besonders bewegt haben, habe ich in meiner Lesechronik auf Lovelybooks festgehalten. Schaut doch mal rein.

So viel Freude, so viel Wut kaufen

Das Buch "So viel Freude, so viel Wut" von Nora Imlau ist bei Kösel erschienen und kostet 20,00€. Ich danke dem Verlag für die Bereitstellung eines kostenfreien Rezensionsexemplares.

Wer dem Link im Text folgt, gelangt zu Buch7, einem Augsburger Onlineshop für Bücher, der einen Teil seines Gewinns spendet. Am liebsten wäre es mir aber, wenn Ihr dieses Buch direkt beim Buchhändler Eures Vertrauens kauft. Ich erhalte für diesen Artikel kein Geld und - abgesehen von dem Buch - keine Gegenleistung. Dieser Eltern Blog ist werbefrei.