Nachts Stillen – Vergleich von Kind1 und Kind2

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Nun, da mein zweites Kind den Tag schon fast ohne Stillen übersteht, will ich mal einen kleinen Rückblick auf zwei völlig unterschiedliche Stillbeziehungen wagen. Denn bei meinen beiden Kindern war das nächtliche Stillen jeweils ganz anders.

Einschlafstillen und nächtliches Stillen

Zunächst möchte ich vorausschicken, dass für mich das Stillen nach Bedarf von Beginn an der einzige Weg war. Das hatte ich mir nicht vorab theoretisch überlegt, sondern das hat sich für mich richtig angefühlt und sich intuitiv so ergeben. Erst später habe ich in verschiedenen Büchern gelesen, dass im Rahmen des sogenannten attachment parenting genau das empfohlen wird: Stillen, wenn das Baby Hunger hat, nicht nach Zeitplan.

Nachttischlampe

Ich habe beide Kinder immer im Liegen gestillt, soweit es der Alltag zugelassen hat, denn so konnte ich diese Zeit nutzen um mich auszuruhen und den Beckenboden zu entlasten. Das hat mir vor allem in den ersten Wochen sehr gut getan und hat sich dann eben so eingebürgert. Doch es hat eben auch dazu geführt, dass sich bei beiden Kindern das Einschlafstillen sehr schnell etabliert hat.

Nachts stillen beim ersten Kind

Nachttischlampe

Bei unserem ersten Kind waren wir permanent damit beschäftigt einen Rhythmus zu etablieren und die Phasen zwischen den Malzeiten auszudehnen. Mit all dem, was ich heute über Babys weiß, muss ich sagen, dass dieser Plan eigentlich von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Aber das waren eben die Tipps, die wir aufgeschnappt hatten und die Verhaltensweisen, die durch das Umfeld bestätigt wurden.

Um zum Beispiel das „permanente nächtliche Nuckeln“ zu unterbinden (und selbst erholsameren Schlaf zu finden), schlich ich mich nachts ins Gästebett. Das Kind bliebt bei meinem Mann im Bett. Wurde unser Sohn nachts wach und weinte, kam ich über den Flur gelaufen, stillte, und schlich mich erneut davon.

Nach einem halben Jahr waren mein Mann und ich mit unseren Energiereserven völlig am Ende und so gerädert, dass sich Ausfallerscheinungen zeigten. Wir liefen in ein Zimmer und vergaßen, dort angekommen, was wir eigentlich dort erledigen wollten. Wir hielten diesen Zustand für normal. Schließlich hatten wir ja ein Baby und junge Eltern haben halt Schlafmangel und ach, wie viele Witze hörten wir ständig darüber in unserem Umfeld. Junge Eltern schlafen halt nicht.

Nachts stillen beim zweiten Kind

Als wir unser zweites Kind bekamen, hatte ich mich durch verschiedene Babyratgeber gelesen. Ich erinnere mich an zahlreiche Aha-Momente. Denn im Nachhinein, durch das Lesen, verstand ich viel besser, was damals eigentlich los war mit uns und unserem ersten Kind und dass wir uns so gar nicht „artgerecht“ verhalten hatten.

So gelang es mir, mich endlich mit dem Tragen anzufreunden, ich hatte bereits im Krankenhaus große Erfolge mit der Windelfrei-Methode und stillte wieder nach Bedarf – allerdings ohne die permanente Sorge um einen Rhythmus. Ich war mir sicher, dass der sich schon irgendwie ergeben würde.

Nun ist mein zweites Kind 10 Monate alt und ich warte irgendwie immer noch auf die Phase der krassen Ausfallerscheinungen. Doch die will einfach nicht kommen. Magischerweise bekommen mein Mann und ich – obwohl wir plötzlich die doppelte Menge an Kindern im Haus haben – genügend Schlaf. Oder zumindest insofern ausreichend, dass wir uns ohne größere Anstrengung wie normale, intelligente Erwachsene verhalten können.

Doch was ist beim zweiten Kind anders?

Die magische Synchronisation der Schlafphasen

Ich hatte den Abschnitt mit dem Stillen in Nicola Schmidts Buch „artgerecht“ schnell überlesen, weil ich ja der Meinung war, ich wüsste schon wie es geht. Doch dann gab es diese eine Nacht mit meinem zweiten Baby, die so ganz anders war, als die vielen Nächte davor und ich erinnerte mich plötzlich an etwas, das Nicola in ihrem Buch beschreibt.

In dieser einen Nacht, war unser pflegeleichtes, superfriedliches Baby krank. Sie war sehr nölig, schlief schlecht und brauchte permanent Zuwendung. Ich wachte jedes mal völlig gerädert auf, wenn sie sich neben mir regte. Ich hatte Orientierungschwierigkeiten und Kreislaufprobleme. Kurz: Ich merkte deutlich, dass man mich soeben aus dem Tiefschlaf gerissen hatte.

Mir fiel das extrem auf, denn normalerweise hatte ich solche Probleme nicht, obwohl ich nachts doch alle zwei Stunden stillte.

Da fiel der Groschen: In den vielen guten Nächten, hatten meine Tochter und ich unsere Schlafrhythmen synchronisiert. Sie bekam Hunger, wenn ich mich in dem Teil des Schlafzyklus befand, in dem ich leicht aufwachen konnte. Ich merkte, dass sie sich regte, wenn ich ohnehin kurz wach war um mich umzudrehen.

Und genau dieses Phänomen beschreibt Nicola in ihrem Buch „artgerecht“ (Seite 128). Sie schreibt, dass dieses „Parallele Aufwachmuster“ sich vor allem dann gut einpendelt, wenn Mutter und Kind ab Geburt zusammen schlafen. Und tatsächlich war das bei uns der Fall. Ich hatte nie das Bedürfnis, mich wegschleichen zu müssen. Ich war aber auch nicht so völlig am Rande der Belastbarkeit wie beim ersten Kind.

Was lernen wir aus diesem Stillerlebnis?

Rückblickend würde ich eigentlich nur eine Sache anders machen, wenn ich noch einmal ein erstes Kind bekommen würde: Gleich die richtigen Bücher lesen.

Wir Mütter von heute gehören leider einer Generation an, die in vielen Dingen von ihren Eltern schlecht beraten wird, wenn es um das Thema Säuglingspflege und insbesondere um das Stillen geht. Unsere Mütter und Omas wurden in vielen Kliniken gleich zum Abstillen gedrängt oder sie wurden mit Stillproblemen allein gelassen. Es war die Zeit, in der Fütterungspläne eingesetzt wurden, und die Kinder nach Tabelle aufgepäppelt wurden. Alles lief darauf hinaus, dem Kind zu festen Zeiten feste Mengen Milch reinpressen zu müssen.

Natürlich finden die Frauen aus dieser Generation es befremdlich, wenn unsere Babys „schon wieder“ am Busen hängen. Und natürlich fragen sie permanent nach einem Rhythmus. Das kann man ihnen auch nicht verdenken. Schließlich weckt so ein frisches Baby Erinnerungen und man möchte ja als Oma/Schwiegermutter auch seinen Teil dazu beitragen.

Ich würde mir nie anmaßen, jemandem Ratschläge zum Thema Stillen zu geben. Das überlasse ich den Laktationsberaterinnen. Ich hoffe jedoch, dass mein ausführlicher Bericht dazu führt, dass Frauen sehen, dass es eben nicht furchtbar und anstrengend sein muss, ein Baby nachts zu stillen. Bedürfnisorientierte Säuglingspflege hat nichts mit Selbstaufgabe zu tun.

Ich möchte dazu raten, sich genau zu überlegen, von wem man sich Ratschläge zu Herzen nimmt und durch wen man sich beeinflussen lässt. In einer idealen Welt leben wir in größeren Clans mit Verwandten oder Freunden und kümmern uns gemeinsam um alle Kinder. Bis man selbst ein Kind bekommt hat man schon viel zum Thema Säuglingspflege im Umfeld mitbekommen und kann auf ein gewisses Repertoire zurückgreifen.

Doch wir leben nicht in einer idealen Welt. Und auch ich gehörte zu den Frauen, die in dem Moment das erste mal ein Neugeborenes sehen, in dem sie es selbst auf die Welt bringen. Als meine Schwester geboren wurde war ich drei. Seitdem hatte ich eigentlich nichts mehr mit Babys zu tun. Woher sollte ich also wissen, wie es geht.

Ich persönlich kann allen (werdenden) Müttern, die nicht in einem Clan leben und nicht schon viele Babys vor ihren eigenen Babys gepflegt haben, zwei Bücher sehr empfehlen. Meine ausführliche Begründung dazu könnt ihr in den jeweiligen Rezensionen lesen.

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