Rollenklischees in der Kindheit und ihre gesellschaftliche Bedeutung

Von
Abgelegt unter
Lesezeit:

3 min

Wie kann eine Kindheit ohne Rollenklischees gelingen und warum ist die Einteilung in rosa und hellblaue Kinder so hinderlich für den Fortschritt in der Gesellschaft?

Die Rosa-Hellblau-Falle

Die Rosa-Hellblau-Falle kenne ich schon sehr lang von Twitter. Ich folge dem Account @machmirdiewelt von Almut Schnerring und lese genau mit, was dort getwittert wird. Sie findet unter dem Hashtag #rosahellblaufalle die unglaublichsten Beispiele für sinnloserweise gegenderte Produkte. Da waren zum Beispiel die Gewürzgurken für Jungen (blaues Etikett mit Superheld) und der Mädchenglobus (alle Ozeane sind Rosa). Auch wird von Diskussionen im Schuhladen berichtet, wo die Verkäuferin dem Jungen partout keine Winterstiefel mit lila Klettverschluss anziehen will. Ebenso finden sich verzückte Berichte davon, dass es Wendepailetten-Shirts nun endlich, endlich auch in anderen Farben als rosa gibt.

Nachdem diese Berichte und Fotos nun schon seit Jahren gesammelt werden, hatte ich irgendwie angenommen, dass sich das Thema Rosa-Hellblau-Falle beim Kauf (oder Boykott) von entsprechend eingefärbten Produkten erschöpft. Das Buch, das Almut Schnerring zusammen mit Sascha Verlan geschrieben hat, habe ich eigentlich nur gelesen, weil es schon so lange auf meinem Stapel liegt.

Ich war überrascht, wie tief die Beiden das Thema recherchiert haben und wie genau sie die Problematik des andauernden Einteilens in Frauen und Männer in größere Gesellschaftliche Zusammenhänge einordnen. Von Beruf/Karriere/Studium über Politik, Bildung und Mode bis hin zum Fernseprogramm sind alle Bereiche unseres Lebens vom jeweiligen Männer- bzw. Frauenbild beeinflusst.

Männerbild und Frauenbild im Blick der Wissenschaft

Mithilfe zahlreicher Studien, die zitiert werden, belegen Almut Schnerring und Sascha Verlan, dass die Auswirkungen der Rosa-Hellblau-Falle fast immer nur negativ sind. In fast allen Fällen werden die Individuen in ihren Handlungen eingeengt. Sei es nun durch Vorurteile von Außen oder dem internalisierten Orientieren an erlernten Geschlechterbildern.

Greifen wir das Beispiel Gesundheit heraus. Jungen lernen früh, dass es scheinbar zum Mannsein gehört, Krankheitssymptome zu verharmlosen und gesundheitliche Probleme erstmal allein zu lösen, anstatt darüber zu sprechen. "Männer gehen mehrheitlich zu spät zum Arzt oder zur Ärztin und nutzen die Vorsorgemöglichkeiten deutlich seltener als Frauen" wird Matthias Stiehler zitiert, der den Männergesundheitsbericht 2013 mit initiiert hatte.

Erstaunlich häufig stoßen Schnerring und Verlan auch auf Studien, die schon vom Versuchsaufbau darauf ausgelegt waren, einen Unterschied zwischen den Geschlechtern zu finden. Wissenschaft ist eben auch nur von Menschen gemacht, die Vorurteilen und Gewohnheiten unterlegen sind. Im Zusammenspiel mit dem (klickgeilen und werbefinanzierten) Journalismus unserer Zeit führen solche Wissenschaftsmeldungen dazu, dass wir häufiger Schlagzeilen darüber lesen, warum Männer besser einparken können als Frauen, als darüber, dass es in der Größe des Gehirns bei den Geschlechtern keinen Unterschied gibt. Die beiden AutorInnen entlarven ein Vorurteil nach dem anderen. Nicht mal an dem Witz, Männer seien eben schweigsamer als Frauen, ist etwas dran.

Kinder nehmen Klischees anders wahr als Erwachsene

Einen Unterschied betonen Schnerring und Verlan aber vehement. Und zwar den zwischen Kindern und Erwachsenen. Im Gegensatz zu dem durchschnittlich gebildeten Erwachsenen (an dem sich zum Beispiel der Werberat bei der Beurteilung sexistischer Werbung orientiert) kann ein Kind keine Ironie verstehen. Es sieht nur die halbnackte Frau mit den großen Brüsten, den unnatürlich langen Beinen und den dünnen Ärmchen. Ein Kind versteht nicht, warum der Mann, der daneben steht, lange Hosen anhat und lange Ärmel.

Ebenso verstehen Kinder das generische Maskulinum nicht. Wenn sie jeden Tag von einer Frau zur Schule gefahren werden, ist es für Kinder äußerst seltsam, wenn ausschließlich vom Busfahrer gesprochen wird. Erwachsene sollten also darauf achten, tatsächlich immer die jeweils passende männliche oder weibliche Form zu wählen. In unserem Fall sind das zum Beispiel die Zahnärztin, die Hausärztin, der Kinderarzt und der Verkäufer beim Bäcker.

Die Rosa-Hellblau-Falle lesen

Auch nach etlichen Jahren als Netzfeministin (wie ich mich aufgrund meiner Radikalisierung durch Twitter bezeichne) konnte ich so viel Neues und Erstaunliches in diesem Buch finden. Ich bin so froh, dass ich endlich die Zeit gefunden habe, es zu lesen.

Es gibt noch so viele andere tolle Dinge in diesem Buch zu finden, die hier den Blogartikel sprengen würden. Um noch ein paar kurze Beispiele herauszugreifen:

  • Die Erklärung zum Bechdel-Test, der sich mit Frauenbildern im Film befasst
  • Die schlaue Analyse der beiden LEGO-Welten für Mädchen und für Jungs (in LEGO City muss man verhungern, weil es keinen Bäcker gibt und die LEGO Friends-Gilrlies haben kein Werkzeug, keine Feuerwehr und keine Polizei in ihrer Hälfte der Stadt)
  • Die dämlichem Probleme der der Drei Ausrufezeichen (dem Mädchen-Pendat zu den Drei Fragezeichen, das sich mit „Betrug beim Casting“ und „Problemen im Reitstall“ herumschlagen muss)

Die Auswirkung von Rollenklischees in der Kindheit auf das Erwachsenenleben und die Gesellschaft

Ich habe dieses Buch geschenkt bekommen. Es ist also diesmal kein Rezensionsexemplar. Dennoch, wie gewohnt, hier der Hinweis zur Bestellmöglicheit bei Buch7, dem Online-Buchhandel aus Augsburg, der einen Teil seines Gewinns an gemeinnützige Projekte spendet.