rp15 Die Abschaffung der Wahrheit

Tag 1 - Session von Friedemann Karig. 12:15 auf der Stage 6 #wahrfight

Diese Kurzthese hat mich gefesselt:

"Wir dachten, das Netz sei ein Medium der Information, der Bildung, der Aufklärung. Doch heute ist mehr Propaganda, Fake und Manipulation denn je. Während seriöse Angebote als "Lügenpresse“ beschimpft werden, wird den obskursten Quellen umso blinder geglaubt. Was passiert da? Was sind das für Leute? Warum tun sie das? Und wie stoppt man sie?"

Wenn in einem Programmheft die Worte Lügenpresse, Trolle und Verschwörungstheorien auftauchen, bin ich dabei. Ich bin sehr gespannt, ob es wirklich gute Strategien gibt. Die Session ist voll und Friedemann hat einen tollen Erzählstil. Begeisterung macht sich breit - meine erste #rp15 Session und meine erste re:publica überhaupt. Ich bin happy.

Kommen wir zum Inhalt von Karigs Session:

Erinnert Ihr Euch noch an die Studentin, die eine Thailandreise vorgegaukelt hat (inkl. nächtlichen Skype-Konferenzen mit der Familie)? Mit dieser Story hat Karig seinen Vortrag eröffnet - um zu zeigen: Jeder kann im Internet alles behaupten. Nicht, dass diese Erkenntnis neu ist. Aber sie ist schmerzlich. Muss ich doch gleich daran denken, dass mich meine Mutter immer genau davor warnt: Da kann doch jeder alles schreiben!

Es folgt eine kleine Einführung zum über Verschwörungstheorien im Allgemeinen:

  • Verschwörungstheorien zu haben hat früher zum Guten Ton gehört. Heute ist man damit sofort am am gesellschaftlichen Rand (stell Dich in die Ecke und schäm Dich!)
  • Die Mehrheit bestimmt, was eine Verschwörungstheorie ist.
  • #NSA Überwachung war mal Verschwörungstheorie, ist heute Wahrheit.

Doch was macht das mit unserer Gesellschaft? Vor allem wir hippen Internetleute glauben ja, wir lebten in einer Wissensgesellschft, tatsächlich leben wir aber in einer Glaubensgesellschaft. Doch es gibt einen statistischen Zusammenhang, den man nicht unbedingt erwarten würde: Je Bildungsgrad, desto Verschwörungstheorie.

Wir suchen automatisch nach Fakten, die unser eigenes Denken bestätigen. Der Bericht einer Studie mit Kindern (unverdorben) macht Staunen: Auf die Frage "welche Farbe ist schwerer, gelb oder rot?" antworten Kinder mit großer Bestimmtheit mit einer der beiden Farben. Die Logik dahinter: Die Farbe, die ich lieber mag, ist natürlich auch schwerer. So wird ein Zusammenhang zwischen Tatsachen hergestellt der gar nicht besteht (und nicht bestehen kann). Wichtig an dieser Stelle ist auch: Das soziale Umfeld ist ausschlaggebend. Ich glaube das, was auch meine Leute glauben.

Wir sind anfällig für Verschwörungstheorien: Die Welt ist chaotisch. Aber ICH habe sie durchschaut.

Ein gruseliges Beispiel sind die Impfgegner: Die medizinischen Fakten sind für Viele zu kompliziert. Aus einem natürlichen Sicherheitsbedürfnis heraus, glauben sie dann lieber denen, die Warnungen aussprechen (also: Autismus!!!). Leider ist es nun in der Welt, in der wir heute leben so, dass sich die Deppen übers Internet auch sehr leicht vernetzen können. Wer andere findet, die das gleiche denken, fühlt sich sofort bestätigt. Wer nun das Stichwort Chemtrail oder 9/11 bei Google eingibt, der erhält relevante Ergebnisse. Der Rückschluss ist, dass ja sogar google dieses Thema für relevant (und folglich für richtig) hält.

Was hat das Internet sonst noch so verändert? Nun, die Kosten für die Wahrheit snd gefallen. Recherche ist für jeden möglich. Genauso sind aber auch die Kosten (und Mühen) für die digitale Kontrolle gestiegen. Länder müssen das Internet blockieren oder echt krasse Firewalls versorgen, um einen Rest Kontrolle zu behalten. Aus China gibt es dazu das Beispiel der 50 Cent Party. Hier erhält man für jeden regierungspositiven Kommentar einen kleinen Obulus. Ick sach mal: Krasse Scheiße!

Wir müssen uns darüber bewusst sein: Niemand ist die Schweiz. Es gibt keinen Nullpunkt der Beobachtung. Denn jeder Mensch hat seinen eigenen Blickwinkel. Und der ist nicht neutral und kann nicht neutral sein. Abgesehen davon sollten wir weiter aktiv sein:

  • #opendata - Zugang für alle schaffen. Das Netz muss noch mehr zum Medium für Aufklärung werden.
  • #Medienkompetenz ist wichtig, wichtiger ist #Wissenschaftskompetenz
  • Mut zeigen: Sich auch mal trauen zu sagen: Das ist eine Lüge! 

Und das Schlusswort? Wir müssen es verhindern, dass Teile der Gesellschaft abdriften. Als Beispiel dafür ist #PeGidA zu nennen.

Sich trauen, öfter mal zu sagen: Ich weiß es nicht.

Die Beschreibung zur Session findet Ihr hier, den Videomitschnitt hier und den Speaker hier: Friedemann Karig