rp15 Let's talk about Meinungsfreiheit, baby!!1!

Tag 3 10:00 Stage 1 - die Session von Anne Wizorek #Medienkompetenz

Belästigungen, Beleidigungen und Drohungen im Netz sind leider Alltag, vor allem für Menschen die von Diskriminierungen wie Sexismus, Rassismus oder Homophobie betroffen sind. Hate Speech im Netz bedeutet Gewalt, Menschen werden in ihrer Teilhabe am gesellschaftlichen und politischen Geschehen gehindert. Wir müssen daher endlich über die tatsächlich bedrohte "Meinungsfreiheit!!1!" im Netz reden, über Taktiken gegen den Hass, Medienkompetenz und unsere Verantwortung für ein freie(re)s Internet.

Die Session

Anne Wizorek erzählt, dass Sie seit Aufschrei viel Unterwegs war, viel gesprochen und geschrieben hat. Im Zuge dieser Arbeit trifft sie immer wieder junge Frauen, die Ihr zwei Fragen stellen:

  1. Bekommst Du noch immer Hass-Kommentare?
  2. Wie gehst Du damit um? 

Diese Fragen interpretiert Anne so, dass die Frauen das Internet mit all seinen Möglichkeiten für Vernetzung und Aktivismus geil finden. Aber die Angst davor, Opfer einer Hasskampagne zu werden, hemmt diese Leute gewaltig. Die naheliegenden (aber nicht unbedingt guten) Strategien sind im Moment:

  • Impressumspflicht umgehen (und sich damit am Rande der Illegalität bewegen)
  • Unter einem Pseudonym auf Facebook aktiv werden (auch nicht erlaubt)
  • etc.

Doch es schadet den eigentlichen Zielen, wenn die Akteure nicht greifbar sind, da es den Themen, für die diese anonymen Aktivisten eintreten, sofort einen Hauch von Unerhörtheit anheftet oder mangelnde Ernsthaftigkeit angenommen wird. Die Zusammenfassung von Anne in meinen Worten: Es ist scheiße, dass wir uns mit diesen Fragen auseinandersetzen müssen. Es ist scheiße, dass diese Netzkultur so kaputt ist.

Hate Speech:

Das ist ein Begriff, der immer wieder auftaucht, wenn es um die Kommentarkultur im Internet geht. Hate Speech ist ein politischer Begriff, den es auch vor den Zeiten des Web 2.0 schon gab. Doch mit den Möglichkeiten des "Internet zum mitmachen" hat dieses gesellschaftliche Problem eine ganz neue Dimension erreicht.

Grundsätzlich kann man sagen, dass es bei Hate Speech immer um die Entmenschlichung von Personen geht.

Shitstorm:

Dieser Begriff ist leider noch nicht klar definiert. In der Bedeutung für die Betroffenen ist es ein großer Unterschied zwischen (1.) Krisenmanagement im Social Media Team (zu geregelten Arbeitszeiten; zusammen mit einem Anwalt) bei Unternehmen und (2.) der einzelnen Aktivistin, die entscheiden muss, wie sie mit der Androhung einer Vergewaltigung umgehen wird. Doch beides wird leichtfertig als Shitstorm bezeichnet. Das ist ungünstig, weil es die ganz reale Bedrohung für Aktivistinnen herunterspielt.

Trolle:

Trolle und das Trollen sind ebenso weit gefasste Begriffe für negative Kommentare, Verarschungen und Verfolgung im Internet. Trollen wird oft als "Spaß" kleingeredet, was dieses Verhalten aber nur scheinbar verharmlost.

Don't feed the Trolls, die aktuell gültige Empfehlung, ist doof, weil man sich als Zielperson dann eigentlich nicht mal mehr über die Hasskommentare beschweren darf. Dadurch wird das eigentliche Ziel der Trolle erreicht: Aktivisten zum Schweigen bringen. Dieses Konzept ist also gescheitert.

Auswirkungen

Die Folgen dieser negativen Aktivitäten für die Zielpersonen (also die Aktivisten) sind krass: Wir reden von psychischen und psychosomatischen Störungen, Traurigkeit, schlechter Laune. Auch eine Erschöpfungsdepression ist möglich. Denn: "Die Bedrohungen sind real, nicht virtuell. Die Angst ebenso."

Verstärkt wird das noch durch die Nicht-Reaktionsempfehlung (Don't feed the Trolls), da so die Zielpersonen zu reinen Projektionsflächen degradiert werden.

Für mich die krasseste Feststellung in Annes Vortrag war die Erkenntnis: Unsere beliebtesten Plattformen (Beispielsweise Facebook und Twitter) werden von Menschen gemacht, die privilegierter nicht sein könnten: Weiße, christliche Männer, die nicht schwul, behindert oder arm sind. Es gibt einfach kein Bewusstsein für Diskriminierung und die damit verbundenen ganz realen Alltagsbedrohungen bei diesen Leuten (Managern, Programmierern). Dementsprechend schlecht und unbedienbar sind die Meldefunktionen für Hate Speech. Hier gibt es erst Hoffnung, seit der Mediendruck etwas größer geworden ist (Beispiel Twitter).

Und dann gibt es da noch eine beschissene Unwissenheit bei den Behörden. Wer mit einer Morddrohung auf Twitter zur Polizei geht, kann nicht damit rechnen, dass die Polizei weiß, was Twitter ist. Davon abgesehen schlängelt sich Hate Speech aber auch oft an den Gesetzen vorbei und bewegt sich in einem unangenehmen Graubereich.

Es muss klar sein, dass Einzelpersonen solche (oft auch organisierten) Hass-Kampagnen nicht abwehren können. Dazu braucht es Teams (die eigentlich Geld kosten - sollten) und Behörden (die sich mit dem Medium aber nicht auskennen). Auch im besten Fall (der Aktivist, der angegriffen wird, bekommt Unterstützung) bindet die Abwehr von Angriffen im Netz Ressourcen. Die Arbeit der Aktivisten leidet enorm.

Grundsätzlich ist es aber sehr wichtig, dass Debatten im Internet moderiert werden. Denn nur so ist ein fruchtbarer Austausch und langfristig eben auch eine Entwicklung möglich. Wenn eine Seite zum Schweigen verdonnert wird, ist diese Funktion gestört oder wird ganz verhindert.

Was übrigens auch überhaupt nicht zur Verbesserung der Situation der Aktivisten beiträgt, ist die Tatsache, dass auch Journalisten und PR-Agenturen schon kalkulierte Shitstorms provozieren, um damit Brand Marketing oder SEO zu machen. Das verharmlost die Attacken, die auf die Aktivisten abzielen, da diese automatisch auch in dem Licht von "normaler Werbung" gesehen werden.

Das Ziel muss es sein, eine Kultur der Entschuldigung und des Verzeihens zu etablieren und auch im Internet stärker auf die Einhaltung von gesellschaftlichen Normen im Bereich der zwischenmenschlichen Kommunikation zu achten. Denn grundsätzlich gilt: Das Internet ist geil und man kann wahnsinnig cooles Zeug damit machen.

Selfie mit der #Aufschrei-InitiatorinAm Abend hatte ich dann noch die Gelegenheit, kurz mit Anne zu reden und schnell ein Selfie zu machen (ja, ich weiß, ich bin ein peinliches Fangirl). Wir waren uns einig, dass bei uns jungen Frauen ganz viel "Aaargh" in der Luft liegt. Doch was man jenseits von Retweets und der Beteiligung an Solidaritätskampagnen tun kann, weiß irgendwie auch keiner.

Ich meine: diese Energie von Frauen, die gerade in der Luft liegt, muss sich endlich irgendwohin entladen. Eines ist sicher: Ich steh dann in der ersten Reihe mit dabei. Weil: Feminismusfuckyeah!

Mehr zur Session findet Ihr hier und das Video dazu hier und die Speakerin findet Ihr hier: Anne Wizorek. Ich habe über Anne schon mal im Zusammenhang mit #Aufschrei gebloggt.