Scheiß auf den Informierten Verbraucher

Ich habe versucht einer der viel beschworenen 'Informierten Verbraucher' zu sein und bin darüber fast verrückt geworden. Ein Artikel darüber, warum ich mir mehr gesetzliche Regelungen wünsche.

Ich bin nicht der Traum von Renate Künast. Zumindest nicht, wenn man sich zu Gemüte führt, was die ehemalige Verbraucherministerin bei jeder Gelegenheit betont und auch erst im vergangenen Jahr wieder in einem zitierfähigen Satz vor großem Publikum gesagt hat:

"Mein Traum ist der informierte Verbraucher" Renate Künast auf der Ethical Fashion Show im Juni 2013 (Quelle)

Es beginnt mit der Schokolade

Zum ersten mal aufgetreten ist mein Problem am Süßigkeitenregal. Ich brauchte Nervennahrung fürs Studium. Am besten Schokolade mit Nüssen, Kekse mit Schoko-Überzug oder irgendwelche Riegel, an denen man lange lutschen und herumknabbern kann.

Doch wie sollte ich eine Auswahl treffen, wusste ich doch, dass der eine Lebensmittelkonzern beim Anbau der Kakaobohnen Kinderarbeit billigend in Kauf nimmt. Der andere Konzern war in der Vergangenheit wegen Verwendung von genmanipuliertem Getreide in den Schlagzeilen gewesen. Diese bunte Packung kam nicht in Frage, weil zu viele Farbstoffe aufgelistet wurden. Jene Bonbons konnte ich nicht essen, weil ich weiß, dass die Mitarbeiter am Fließband mies bezahlt werden.

Zu Beginn kam ich mir toll vor und sah mein Wissen über den globalen Lebensmittelmarkt als einen geschickten Baustein einer Bildungsbürgertum-Diät.

Doch lange konnte ich mich nicht beherrschen.

Wer nächtelang lernt und die Tage in der Bibliothek zwischen staubigen Bücherregalen verbringt, der braucht einfach ab und zu mal einen Zuckerschok. Also kaufte ich - wider besseres Wissen - die Süßigkeiten von Firmen, die ich verachtete - und fühlte mich schlecht dabei.

Meine Lebensmittel sollen keine Kriege um Rohstoffe auslösen

Sicherlich hat auch das Politikstudium seinen Teil dazu beigetragen, dass ich immer mehr erfuhr.

Die Edelsteinminen in Afrika beschäftigten uns wegen ihren prekären Sicherheitsstandards genauso wie die Umweltzerstörung in Lateinamerika, die aus dem Anbau von Soja resultiert. Wir diskutierten darüber, ob Erdbeeren aus Spanien gekauft werden dürfen. Schließlich wird dort in den Anbauregionen völlig unverantwortlich mit dem Grundwasser umgegangen. Und von Italien weiß man ja, dass Regeln und Gesetze eher Richtlinien sind. Trauben und Paprika kann man von dort also nicht kaufen, denn die Pestizide, die in dem schönen Mittelmeerstaat in der Landwirtschaft (vermutlich ganz sicher) eingesetzt werden, bleiben bei diesen beiden Früchten besonders hartnäckig an der Schale hängen.

Besonders nahe ging uns das Thema Wasser. Es gibt eigentlich nur noch zwei oder drei große Konzerne, denen alle Wassermarken der Welt gehören. Diese Konzerne kaufen ganze Gebirgsketten um die Quellen anzuzapfen und graben dabei zum Beispiel den örtlichen Kleinbauern die komplette Wasserversorgung ab. Auch hier gibt es natürlich Berichte über Hungerlöhne und miese Arbeitsbedingungen.

Ich kann Euch auch Vorträge halten über Schnittblumen aus Afrika, Bio-Kartoffeln aus Ägypten und natürlich die komplette Modeindustrie mit ihren Produktionsbedingungen. Ach ja, hatte ich schon das Thema Kosmetik erwähnt?

Ich habe mich wirklich tief eingearbeitete, denn über mein privates Interesse hinaus, hatte ich auch in meinem Job mit verschiedenen Projekten im "Nachhaltigkeitsbereich" zu tun.

Mein Befreiungsschlag

Die Wende kam für mich mit dem Babybauch.

Als Schwangere darf man plötzlich keine Salami mehr essen. Man soll mit dem Babybauch einen Mindestabstand von 30 cm zum Induktionsherd einhalten und man darf auf keinen Fall aus Plastikflaschen trinken (Achtung: Weichmacher könnten zu unklarem Geschlecht beim Fötus führen).

Ein paar Monate lang macht man den Zirkus mit. Doch irgendwann kommt man geistig einfach nicht mehr hinterher. Bei mir war es so, dass ich eigentlich überall nur noch Verbotsschilder und Moralkeulen gesehen habe - und das in einer Phase, in der man möglichst glücklich und entspannt sein soll, damit der kleine Mensch im Bauch bitteschön keinen psychischen Knacks bekommt.

Durch den Mutterschutz und die Elternzeit habe ich mich aus den beruflichen Projekten komplett zurückgezogen, bei denen ich hauptsächlich Menscheitsverbrechen recherchieren musste. Und das war eine Wohltat kann ich Euch sagen!

Ich habe auf Facebook all die Seiten "entliked", die mich bisher täglich über die Sünden der Lebensmittelkonzerne informierten. Ich folgte auf Twitter plötzlich lieber anderen Schwangeren und Eltern, anstatt jeden Tweet von Entwicklungshilfeorganisationen und Petitionsportalen zu lesen. Und ich legte einfach wieder Dinge in den Einkaufswagen, auf die ich Lust hatte.

Dieses Einkaufsverhalten habe ich beibehalten. Ich suche zwar bei den Lebensmitteln nach Produkten aus der Region und laufe dafür auch mal ein paar Schritte weiter zum Markt oder in den Bioladen. Aber das war es dann auch schon mit den Regeln.

Es liegt sicher auch am Baby-Schlafmangel, dass ich mich jetzt im Supermarkt nur noch auf den Einkaufszettel konzentriere und nicht mehr nebenbei Barcodes einscanne, Inhaltsstoffe studiere und prüfe, zu welchem Konzern diese oder jene Marke eigentlich gehört. Aber es ist toll.

Ich genieße es, in einen Laden zu gehen und ohne schlechtes Gewissen, ohne Weltuntergangsstimmung und ohne dem nächsten Krieg um Rohstoffe im Kopf wieder heraus zu kommen. Denn all das passiert im Gehirn eines "Informierten Verbrauchers".

Das sollen Andere für mich regeln

Zu bewerten, wie gut oder schlecht ein Produkt nun tatsächlich ist, ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Es gibt so viele Faktoren, die berücksichtigt werden müssen:

  • Umweltschutz
  • Transport
  • Löhne
  • Arbeitsschutz
  • Rohstoffe
  • Wasserverschmutzung
  • Firmenpolitik
  • etc.

Für den Laien ist diese Aufgabe meiner Meinung nach nicht zu bewältigen - zumindest dann nicht, wenn man auch Arbeiten gehen, einen Haushalt führen und ein gesellschaftliches Leben führen will. Denn über jede Schokoladentafel, jede Jeans und jedes Smartphone kann man eine eigene Doktorarbeit schreiben.

Der einzige Ausweg ist für mich die Verschärfung der Gesetze. Die meisten der oben genannten Punkte lassen sich auf nationaler oder internationaler Ebene regeln. Bitteschön, liebe Politiker, dann macht genau das auch. Nehmt mir die Bürde ab, zu entscheiden, ob ich lieber Kinderarbeit in Kauf nehme oder mich mit wiederlichen Zusatzstoffen arrangiere, wenn ich ein Stück Schokolade essen möchte. Ich will keines von beiden. Ich will einfach nur gute Schokolade.