Ich! Will! Aber! Nicht! – der Trotzphase-Ratgeber

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Wir befinden und mittlerweile in Runde zwei der Trotzphasen-Challenge und ich finde, der Mann und ich schlagen uns recht gut mit der Jüngsten. Das Buch Ich! Will! Aber! Nicht! von Susanne Mierau hilft uns dabei, entspannt zu bleiben.

Unser erstes Kind ist schon mit Trotzphase auf die Welt gekommen. Im Vergleich zu den pflegeleichten Babys um und herum, war unser Sohn schon immer anstrengend. Die eigentliche Trotzphase mit Wutanfällen (bis zu 45 Minuten) und viel Geschrei zog sich dann über mehrere Jahre. Natürlich gingen wir davon aus, dass unser zweites Kind sich ähnlich aufführen würde. Aber nein. Erst jetzt, mit knapp vier Jahren erleben wir die typischen Situationen von Verzweiflung, Eingeschnappt sein und wütendem wegstampfen. Die kleinen, vor Wut geballten Fäustchen an den verschränkten Armen sind im Vergleich zu den Wirbelstürmen, die wir gewohnt waren, ziemlich niedlich. Nichtsdestotrotz müssen wir auch bei Kind 2 die Trotzphase ernst nehmen. Ich! Will! Aber! Nicht! hilft uns dabei.

Ich! Will! Aber! Nicht! – zwei Gründe für Wutanfälle

Nun lese ich schon seit sechs Jahren Erziehungsratgeber und stelle sie in meinem Blog vor. Und trotzdem lerne ich in jedem Buch wieder etwas Neues. Und weil ich ein Fan von Auflistungen bin, kommen hier zunächst mal die zwei Gründe für Wutsituationen (Trotzanfälle), die Susanne Mierau herausarbeitet.

  1. Das Kind fordert Selbstständigkeit ein, weil es diese zu seiner Entwicklung braucht. Wir Eltern stoppen diese Selbstständigkeit aus unterschiedlichen Gründen (zum Beispiel Gefahr, Zeitmangel, etc.). Beim Kind entsteht Frust weil es ausgebremst wird.
  2. Das Kind sieht eine Ungerechtigkeit, weil nach dem Abstillen (menschheitsgeschichtlich nach 2-3 Jahren) die Mutter nicht mehr (wie zuvor durch durch Hormone gesteuert) alles macht, was dem Kind gut tut. Das Kind muss plötzlich selbst einfordern, was es braucht.

Die Kinder wechseln außerdem von der Phase, in dem jeder Fortschritt freudig begrüßt wird (Baby lernt Krabbeln, Drehen, Essen) in eine Nein-Umgebung voller Verbote und Gefahren. Dabei wollen sie einfach nur weiterhin (also wie gewohnt) Unabhängigkeit lernen und zunehmende Selbstwirksamkeit erfahren (Selbermachen, im Haushalt helfen).

Ein Trick, der sich bei uns bewährt hat ist die positive Umgebung in der Kinder gefahrlos und kreativ agieren können. Ebenfalls sehr hilfreich sind Herausforderungen an denen sie wachsen können, also altersgerechte Aufgaben und Angebote. Wir konzentrieren uns leider aus Gewohnheit allzu oft auf das, was Kinder schon können. Nicht auf das, was sie gerade lernen.

Kinder wollen kooperieren und mithelfen. Das macht Susanne Mierau immer wieder sehr eindringlich klar. Für mich ist das der größte Schmerz als Mutter, dass ich bei dem Thema Mithelfen (für meinen Geschmack) so oft nein sage, weil ich es lieber selbst schnell mache. Vor allem in der Küche. Da fehlt mir am Abend oft die Zeit und vor allem die Geduld um mit den Kindern gemeinsam zu kochen. Manchmal backe ich am Wochenende mit ihnen, aber ich finde dann fehlt irgendwie die Selbstverständlichkeit und es ist eher ein Event.

Erziehungsratgeber lesen

Es geht immer um die Eltern

Nachdem Susanne Mierau die Entwicklung des Gehirns aus der Perspektive der Menschheitsgeschichte vorstellt und damit bei uns Leserinnen ein Basiswissen für kindliches Verhalten schafft, wird mir klar: Es geht nicht um das trotzende Kind. Es geht darum, wie wir Eltern damit umgehen.

Und noch etwas konkreter: Was hält uns davon ab, entspannt mit unseren wütenden Kleinkindern umzugehen? An diesem Punkt lenkt die Autorin unseren Blick noch weiter weg vom wütenden Kind. Wir sind angehalten, und mit unserer eigenen Kindheit zu befassen. Viele der heutigen Eltern haben nämlich selbst eine Kindheit voller (verbaler, psychischer oder physischer) Gewalt erlebt. So wurden Großeltern oft noch in einer Gesellschaft erzogen, in der das sprichwörtliche Dorf mitgeholfen hat. Doch als unsere Großeltern selbst Kinder hatten, waren durch den Krieg viele gesellschaftliche Strukturen zerstört und die Familien auf sich allein gestellt. Druck, Stress, Überforderung und Erschöpfung führten dazu, dass eine Erziehung voller Gewalt für viele Nachkriegskinder die Norm war.

Sich von diesen Erfahrungen zu lösen, war bereits für unsere Elterngeneration schwierig. Manche haben es gut hinbekommen, andere weniger. Nun sind wir damit befasst, uns liebevoll und verständnisvoll um unsere Kinder zu kümmern. Das ist eine große Leistung, die Susanne Mierau würdigt. Im Laufe des Buches gibt sie immer wieder Tipps dazu, wie man in schwierigen Situationen die Fassung behält. Von der Auszeit hält sie nichts. Wer spürt, dass er kurz davor ist, sein Kind zu schlagen, soll als kurzfristige Rettung die Hände hinter dem Rücken verschränken (und langfristig externe Hilfe suchen).

Alltagstipps für das Leben mit Kleinkindern

Die Basis für einen guten Umgang mit der Trotzphase ist ein Familienalltag in dem knackpunkte möglichst vermieden oder kreativ gelöst werden und in dem Humor eine große Rolle spielt. Weitere Tipps von Susanne Mierau sind diese.

Machen Sie sich bewusst, wie Kinder Gefühle lernen. Kinder spiegeln unsere Emotionen und schauen sich ab, welches Gesicht und welche Laune für die jeweilige Situation passend scheinen. Eltern müssen sich dieser Wirkung unbedingt bewusst sein. Wenn wir das Kind lachend in die Höhe werfen, wird es mitlachen, einfach weil es und spiegelt. Fühlt es sich tatsächlich aber ängstlich, dann führt das Lachen der Erwachsenen zu einer falschen Verknüpfung von Empfindung und Empfindungsäußerung. Dieses Erlebnis wird sich auf das weitere Leben auswirken und kann fatale Folge haben. Das ist übrigens auch der Grund dafür, dass es in unserer Familie keine ausgedehnten Kitzelattacken gibt.

Machen Sie sich bewusst, mit welcher Erwartung sie dem Kind zuhören. Wer fest davon überzeugt ist, dass das Kind Grenzen austestet oder Ärger sucht, der versteht ziemlich sicher eine andere Botschaft als die, die das Kind ausgesendet hat. Der Vorschlag lautet, mit offenem Herzen und vorurteilsfrei zuhören entspannt die Kommunikation mit Kindern ungemein.

Überlegen Sie, ob Rituale Selbstständigkeit verhindern. Rituale werden oft als Allheilmittel verkauft, wenn es im Familienalltag Probleme gibt. Tatsächlich können sie aber auch erst zu Problemen führen. Wenn das Ritual daraus besteht, dass die Eltern stets beim Anziehen helfen, verpasst das Kind eine wichtige Gelegenheit Selbstständigkeit zu lernen. Gleiches gilt für Füttern, Kleidung raussuchen etc.

Versuchen Sie, abstrakte Anweisungen zu vermeiden. Räum auf ist keine Aufforderung, mit der ein Kleinkind etwas anfangen kann, denn hier werden zu viele implizite Botschaften übermittelt, die das Kind nicht entziffern kann. So braucht man zum Aufräumen ja eine Zielvorstellung (leerer Boden, ordentliche Regale, Bücher gucken alle in die gleiche Richtung), man muss planvoll handeln und man muss seine Energie einteilen. Das kann man nicht von Kleinkindern erwarten. Was sie allerdings gut verstehen können ist die bitte, alle Tiere in dem Korb zu sammeln oder die Autos in eine Reihe zu parken. Das sind konkrete und überschaubare Tätigkeiten, die Kinder hilfsbereit übernehmen können.

Verstehen Sie, wie Kinder Essen. Gemeinsame Mahlzeiten sind für viele Eltern ein Stressfaktor. Auch für uns. Das ewige Gezappel, das Krümeln und Kleckern und die vielen Wassergläser die sich quer über den Tisch entleeren... es ist furchtbar. Mein Mann hatte sogar schon mal Magenprobleme von dem ganzen Stress beim Essen. Dieses Kapitel haben wir deshalb besonders genau gelesen. Eine Sache ist mir besonder im Gedächtnis geblieben: Die Neophobie. Das ist bei Kindern die Angst vor neuen Nahrungsmitteln. Menschheitsgeschichtlich gesehen ist diese Angst durchaus sinnvoll, schützt sie die Kinder doch vor Vergiftungen. Erst wenn Lebensmittel immer wieder angeboten werden, können Kinder sich darauf einlassen. Wichtig ist es, dabei keinen Druck aufzubauen.

Erstmal entspannen

Jetzt haben wir aus Ich! Will! Aber! Nicht! zahlreiche Anregungen, Tipps und Erkenntnisse und wollen ab sofort alles richtig machen. Das wird natürlich nicht klappen. Es geht eher darum, die eigene Haltung zu verändern. Und dafür bietet das Buch von Susanne Mierau eine gute Basis – ihre anderen Bücher übrigens auch.

Klappentext Ich! Will! Aber! Nicht! von Susanne Mierau

Was ich übrigens ziemlich super fand ist, dass man beim lesen der ganzen Kapitel zu den typischen Konfliktsituationen sich auch mal vor Augen führen kann, dass man in einigen Bereichen auch überhaupt keine Probleme hat, denn daran denkt man ja normalerweise eher selten. Ich kann zum Beispiel berichten, dass Geschwisterstreit bei uns keine Rolle spielt, das Zähneputzen gut klappt und dass auch Schimpfwörter bei und kein Problem sind. Yay!

Ich! Will! Aber! Nicht! mein Fazit

Zusammenfassend möchte ich meine Erkenntnis aus diesem Erziehungsratgeber so formulieren: Man sollte die eigenen Erwartungen an das Kind überdenken (eigene Erfahrungen, gesellschaftlicher Druck, etc.) und schwierige Situationen im Kontext betrachten (Hunger, Müdigkeit).

Das Buch Ich! Will! Aber! Nicht! von Susanne Mierau ist bei GU erschienen und kostet 16,99€. Die ISBN-Nummer lautet 3833860219. Ich danke dem Verlag für die Bereitstellung eines kostenfreien Rezensionsexemplars. Wer dem Link zum Buch folgt, gelangt zur Schlosserschen Buchhandlung in Augsburg. Hier kann man Onlinebestellungen machen und die Bücher portofrei nach Hause liefern lassen oder direkt im Buchladen abholen.