Trennungskinder (Renzension)

Ratgeber: Wie Eltern und Kinder nach Trennung und Scheidung wieder glücklich werden.

Als ich drei war, ist mein Papa in einen Schornstein gefallen. Die Mama ist auch hoch geklettert und hat versucht, ihn mit der Hand zu erreichen, aber sie hat es nicht geschafft.

Mit so großen Augen und so ernster Miene habe ich diese Geschichte erzählt und dabei auf den Schlot der nahegelegenen Fabrik gezeigt, dass die Leute nah dran waren, mir zu glauben. Warum auch sonst sollte der Papa nicht mehr da sein?

Ich kann mich nicht wirklich an die Begebenheit mit dem Schornstein erinnern, aber sie wurde mir so oft erzählt, dass ich das Gefühl habe, es wäre gestern gewesen, dass meine Eltern sich getrennt haben. Mittlerweile weiß ich, dass meine Geschichte eine ganz normale Reaktion eines Kleinkindes auf die Trennung der Eltern ist. Das Kind denkt sich eine magische Geschichte aus, die das Unfassbare verständlich macht.

Heute, mit 34 Jahren, beschäftigt mich die Trennung meiner Eltern nicht mehr - dachte ich. Als ich das Rezensionsexemplar des neuen Buches von Claus Koch bestellt habe, dachte ich an die Kinder in unserem Umfeld, an die Ehen, die nicht gut laufen und daran, mehr über das Gefüge der Familie zu erfahren. Ich hatte tatsächlich gar nicht damit gerechnet, auch etwas über mich selbst zu lernen.

Claus Koch Trennungskinder

Und genau das macht das Buch Trennungskinder so lesenswert: Das Thema Trennung und Scheidung von Eltern wird umfassend bearbeitet und aus unterschiedlichsten Perspektiven behandelt. So kommen nicht nur Kinder unterschiedlichen Alters zu Wort, auch Eltern, die aktiv eine Trennung vorangetrieben haben und solche, die plötzlich aus allen Wolken gefallen sind. Es geht um Eltern, die den engen Kontakt mit ihren Kindern weiterhin halten, und Eltern, die mit sich selbst so überfordert sind, dass das auch die Kinder deutlich zu spüren bekommen. 

Beeindruckt hat mich, wie Koch die Wichtigkeit von Pädagog*innen herausstellt. An mehreren Stellen im Buch betont er, wie hilfreich es ist, Erzieher*innen, Lehrer*innen und den Betreuenden im Sportclub zu sagen, dass sich mit der Trennung der Eltern ein einschneidendes Erlebnis im Leben des Kindes ereignet hat. Oft hilft das dabei, verändertes Verhalten besser einzuordnen. Auch können die Pädagog*innen mit einfühlsamen Gesprächen erreichen, dass sich das Kind nicht mehr Schuldig fühlt und von der Passivität wieder zur Selbstwirksamkeit kommt.

Schuldgefühle bei Trennungskindern

Schuldgefühle sind ein großes Problem bei Trennungskindern. Der Gedanke, Mama und Papa haben sich nicht mehr lieb, weil man die Hausaufgaben vergessen oder den Hasenstall nicht ausgemistet hat, kommt bei sehr vielen Kindern vor. Claus Koch gibt konkrete Tipps für das Gespräch mit Kindern verschiedener Altersstufen damit Eltern glaubhaft versichern können, dass es sich um eine Angelegenheit zwischen Erwachsenen handelt und das Verhalten des Kindes keinen Einfluss auf die Kürze oder Dauer der Beziehung hat.

Passivität und Selbstwirksamkeit

Selbstwirksamkeit ist ein Faktor, den Koch hauptsächlich im Gegensatz zum Verwöhnen sieht. Seine Forderung ist - vereinfacht gesagt - die, dass man ein Kind, das unter einer Trennung leidet, nicht mit Geschenken verwöhnen soll. Situationen zu schaffen, in denen das Kind sich entfalten, sein eigenes Können unter Beweis stellen und etwas schaffen kann, ist die bessere Taktik für all jene, die die langfristige psychische Gesundheit des Kindes im Blick halten. Es geht darum, das Trennungskind aus der Passivität herauszuholen, denn das Gefühl, dass die Trennung der Eltern mit mir passiert und ich nichts dagegen tun kann, kann übermächtig werden.

Trennungskinder von Claus Koch

Weitere Themenfelder rund um Trennung und Scheidung, die in dem Buch Trennungskinder behandelt werden:

  • Bindung und Trennung bei Kindern unterschiedlichen Alters.
  • Verlustängste bei Kindern erkennen und bearbeiten.
  • Wie sagt man seinem Kind, dass man sich als Paar trennt, aber weiterhin Eltern bleibt.
  • Wie entstehen Loyalitätskonflikte und welchen Einfluss haben sie auf das spätere Leben der Kinder?
  • Wie kann man mit seinen Kindern auch nach der Trennung in gutem Kontakt bleiben?
  • Vor- und Nachteile von Residenzmodell, Wechselmodell, Nestmodell.
  • Die Gründung neuer Patchwork Familien.
  • Wie vermeidet man es, dem Kind falsche Hoffnungen zu machen.

Mir hat es gut gefallen, dass Claus Koch zwischen sozialisiertem Verhalten und biologischer Determination unterscheidet, wenn er davon spricht, dass Mütter und Väter unterschiedlich mit ihren Kindern umgehen. Dieses Feingefühl finde ich sehr wichtig.

Am Ende des Buches gibt es ein langes Kapitel über die Studienlage. Es gab zwei große Langzeitstudien, die das Wohlergehen von Trennungskindern erforscht haben. Koch erläutert genau, wie die Studien gestaltet waren und beschreibt, in welchen Bereichen man die Ergebnisse heute noch zu Rate ziehen kann, und in welchen Aspekten man eher vorsichtig sein sollte. Das hat mir sehr gut gefallen und mir auch dabei geholfen, mir ein eigenes Bild zu machen. Die Zusammenfassung des Forschungsstandes lautet: „(...) Je weniger Eltern im Falle der Trennung kooperieren, je mehr sie im das Kind „kämpfen“ und den anderen dabei schlecht machen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich für die Kinder und späteren Jugendlichen und Erwachsenen nachteilige Folgen ergeben.“

Anders formuliert: Je mehr die Eltern darauf achten, auch nach der Trennung noch gemeinsam als Eltern im Team zusammenzuarbeiten, desto besser werden die Kinder die Trennung verarbeiten.

Für wen ist das Buch Trennungskinder geeignet?

Natürlich fallen mir zunächst Eltern ein, die sich frisch getrennt haben oder mit dem Gedanken spielen. Aber ich denke, dass auch “betroffene” Großeltern von Trennungskindern aus diesen Ratgeber viel Wissen über die schwere Phase, durch die ihre Enkelkinder gerade gehen, ziehen können. Zuletzt sollten sich auch alle anderen Personen angesprochen fühlen, die professionell mit Kindern arbeiten. Sei es nun in der Kita, im Kindergarten, in der Schule oder im Freizeitbereich.

Das Buch Trennungskinder von Claus Koch ist bei PATMOS erschienen und kostet 18,99€. Die ISBN-Nummer lautet 978-3-8436-1108-4. Ich danke dem Verlag für die Bereitstellung eines kostenfreien Rezensionsexemplars. Eine Leseprobe findet man hier.